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Book review

Trois concepts pour comprendre José Bleger

Ruth Waldvogel

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/sanp.2017.00514
Publication Date: 31.10.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(07):217

Silvia Amati Sas, Marie-Claire Caloz-Tschopp, Valeria Wagner (éds):

Trois concepts pour comprendre José Bleger

Paris: L’Harmattan 2016.

276 page, broché.

Prix: € 26,00.

ISBN: 978-2-343-09958-3.

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer kollektiven Arbeit zum Thema «Ambiguité, violence et civilité autour des recherches de José Bleger, psychiatre, psychanalyste argentin (1923–1972)». In einem internationalen ­Kolloquium organisiert von der Universität Genf, der Fachhochschule für Sozialarbeit Genf (HETS-SO) und dem Collège interna­tional de Philosophie de Genève-Paris (CIPh) wurden die drei Konzepte Symbiose, Am­­biguität und Rahmen José Blegers aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Das ­gedruckte Buch wird durch eine online-revue «Repenser l’exil»1 ergänzt.

Der argentinische Psychiater und Psychoanalytiker José Bleger ist bei uns wenig bekannt. Als gesellschaftspolitisch engagierter Arzt war es ihm ein Anliegen, die Psychoanalyse nicht nur auf die klinische Arbeit zu beschränken, sondern sie auf andere Weise und in anderen Gebieten nutzbar zu machen.

Die Konzepte werden mittels dreier Originaltexte eingeführt, was die Grundlage bildet um die anschliessenden Artikel besser zu ­verstehen. Zentral ist sein Konzept der Ambiguität. Im Gegensatz zu Ambivalenz, meint Ambiguität den entwicklungspsychologisch frühen, symbiotischen Zustand, in dem Gefühle undifferenziert und gleichzeitig vorhanden sind. Anders als bei der Ambi­valenz, bei der das Subjekt Gefühle als widersprüchlich erlebt, stehen die Gefühle bei der Ambiguität gleichzeitig nebeneinander. Hass, Liebe, Wut, Freude etc. sind gleichwertig und gleichzeitig vorhanden, ohne als widersprüchlich wahrgenommen zu werden. Im Laufe der Entwicklung wird die Ambiguität überwunden, das Individuum lernt die Gefühle entsprechend den Anforderungen der kulturellen und gesellschaftlichen Umgebung einzuordnen, die Ambiguität jedoch bleibt als ­agglutinierter Kern, der abgespalten ist, erhalten. Soziale Veränderungen führen dazu, dass vieldeutige Gefühle wiederauftauchen, begleitet von starken Ängsten vor psychischer Desorganisation. Um diese Ängste abzuwehren, passt sich das Individuum an, auch in Situationen, die seinen ethisch-moralischen Vorstellungen widersprechen.

In den verschiedenen Artikeln des Buches ­reflektieren die Autoren aus dem Blickwinkel von klinischer Psychoanalyse, Literatur und politischer Philosophie die Konzepte. Silvia Amati-Sas zeigt zwei Mechanismen psychischen Überlebens bei Folteropfern auf. Valeria Wagner beleuchtet das Konzept der Ambi­guität aus ästhetischer und künstlerischer Sicht und Marie-Claire Caloz-Tschopp fragt sich, ob Blegers Konzept uns in eine Meta­physik der Katastrophe führt oder ob er nicht im Gegenteil mit der Ambiguität den Weg zur Freiheit aufzeigt. Im Weiteren wird das Werk Blegers in verschiedenen Artikeln in den politischen und sozialen Kontext seiner und unserer Zeit gestellt.

Ein Buch, das zum Denken anregt und in der heutigen Zeit der gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche dazu beiträgt, die Welt zu reflektieren und nicht in der Angst vor dem Aufbrechen des agglutinierten Kerns zu ­versinken und sich so an jeden Irrsinn anzu­passen, sei es in der klinischen Arbeit als auch bei der Suche nach Verstehen gesellschaft­licher und politischer Entwicklungen in einer Welt, in der kulturelle und soziale Werte zunehmend zu zerfallen scheinen.

Ruth Waldvogel, Basel

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