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Interview mit Thomas Meng, Leiter des Offenen Ateliers in der Alterstagesklinik Weinfelden, Psychiatrische Dienste Thurgau

Kreativität, die vierte Dimension der Behandlung

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2017.00546
Publication Date: 12.12.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(08):242-243

Thomas Meng, Karl Studer

Karl Studer: 1990 zum 150-jährigen Jubiläum der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen hat die Klinikleitung zusammen mit den ­Gestaltungstherapeuten beschlossen, quasi als Jubiläumsgeschenk für Patienten und ­Mitarbeiter ein Offenes Atelier einzurichten. Dies sollte ein Freiraum sein, der sehr niederschwellig und bedingungslos allen zur Ver­fügung steht. Wir erklärten ihn zur vierten Dimension neben der ärztlichen Diagnostik und Therapie, der pflegerischen Unterstützung in den Aktivitäten des täglichen Lebens und der Sozialarbeit zur Lösung sozialer ­Fragen. Zuständig war vorerst ein Kunsttherapeut, Herr Silvio Lüscher, der von der 1980 ­geschlossenen psychiatrischen Privatklinik Bellevue Kreuzlingen übernommen worden war. Dann wurde Dir, dem an der Akademie der Bildenden Künste in München aus­gebildeten Kunsttherapeuten diese Aufgabe übertragen. Das Atelier wurde 2016 aus dem Areal der Psychiatrischen Klinik ausgelagert und in die Alters­tagesklinik Weinfelden integriert.

Inzwischen sind in der Schweiz und an vielen Orten in Deutschland ähnliche Einrichtungen entstanden. Meine Frage an Dich nun:

Was war und ist die Vision einer solchen Einrichtung?

Thomas Meng: Ein Offenes Atelier ist ein Raum, in dem Menschen bildnerisch selbständig tätig sein können. «Offen» steht dabei für die Entscheidungsfreiheit der Atelier­besucher, zu welchen Zeiten sie kommen und welcher bildnerischen Tätigkeit sie ­nach­gehen wollen. Damit können gerade ­diejenigen Menschen erreicht werden, die sich mit Terminen und den damit verbun­denen Strukturen schwer tun. «Atelier» steht für den Raum, in dem unterschiedliches ­Material und Zeit zur Verfügung steht für die bildnerische Gestaltung. Der Zugang soll damit eine möglichst niedrige Schwelle haben, ohne grosse bürokratische und finanzielle Hürden für die Atelierbesucher.

KS: Was ist der Unterschied zu Gestaltungstherapien auf den Klinikabteilungen?

TM: Die Gestaltungstherapie der klinischen ­Abteilungen haben vor allem eine zeitliche Beschränkung und die Aktivitäten sind in den Therapieplänen der Woche mit Terminen eingebunden.

KS: Was ist mit «Freiraum» des Offenen Ateliers gemeint ?

TM: Es stehen Raum, Zeit und Material sowie Fachkompetenz zur Verfügung in einer At­mosphäre, die ermöglicht, dass Menschen selbständig aktiv sein können, wo nichts ­passieren muss, eben offen ohne Vorgaben und Absichten. Es ist ein Lebens- und Ar­beitsraum, in dem auch Mitpatienten und ­andere Menschen zur Verfügung stehen, wo zwischen Autonomie und Beziehung gelebt und gestaltet werden kann. Jeder entscheidet selbst, was ihm wichtig ist, wobei sich oft ­unvorhergesehene Erfahrungen ergeben. Auf diese Weise kann aus der Absichtslosigkeit ­etwas Bedeutungsvolles entstehen. Der Freiraum ist ein menschlicher Experimentier- und Proberaum. In dieser Situation werden die Atelierbesucher mit ihren Wünschen, Fähigkeiten und Grenzen konfrontiert, was zu inneren und äusseren Auseinanderset­zungen führt, die wiederum für eine weitere Entwicklung die Grundlage sein kann. Bilder entstehen mit der effektiven Tätigkeit, nicht in der Phantasie und ­Abstraktion.

Ich liebe die Vorstellung vom Offenen Atelier als einer Mutter, die schützt und gewährt, im Spielzimmer nur im äussersten Notfall ordnend eingreift, wo auch etwas misslingen darf, ohne dass der Schutz verloren geht, die Experimente zulässt und dadurch neue Erfahrungen und Veränderungen ermöglicht.

KS: Worin besteht denn der Unterschied 
zur Behandlung der Patienten auf den Abteilungen?

TM: Auf den Abteilungen besteht ein geschützter Lebensraum auf Zeit mit Tages­ablauf, meist strukturiert, mit differenzierten unterschiedlichen Therapieangeboten in Einzel- und Gruppensettings, um möglichst gezielt den Patienten zu erreichen und in ­seiner Entwicklung zu unterstützen. Diese Angebote sind strukturiert durch das Behandlungsteam. In einem Offenen Atelier hingegen verschiebt sich die Initiative mehr zum Patienten hin, da ihm Zeit und Raum zur Ver­fügung gestellt werden, in dem er ­bildnerisch ­tätig sein kann oder auch nicht. Allerdings ist er auch hier in eine Gruppe eingebunden, die jedoch durch die Offenheit weitgehend selbst organisiert ist.

KS: Widerspricht denn das Angebot des ­Offenen Ateliers dem strukturierten Angebot?

TM: Nein. Es ist eine wichtige Ergänzung, oder vielmehr es bedingt einander. Menschen brauchen Zeit für Entwicklungen. Das heisst für mich, dass neben den organisierten An­geboten auch selbstbestimmtes Handeln in einem geschützten Rahmen möglich ist. Der Offene Raum braucht den Schutz vom strukturierten Angebot, das für den Patienten den ­nötigen Halt schafft und die Möglichkeit zur Auseinandersetzung bietet. Letztere kann dann im Atelier auf eine andere Art und Weise erlebt und bearbeitet werden.

Diese gegenseitige Ergänzung von Struktur und Freiraum ist nicht nur für Psychiatrie­patienten bedeutsam, sondern zeigt, wie wir neben dem Arbeitsalltag und Verpflichtungen Inseln benötigen, eben Freiräume. Wo dieses Gleichgewicht nicht stimmt, kann es zu Krisen kommen.

KS: Könntest Du Dir vorstellen, dass in ähnlicher Weise psychiatrische Einrich­tungen neben Strukturen auch Freiräume für Veränderungen benötigen?

TM: Wenn es um die Organisation einer Einrichtung geht, bist Du der Experte. In meinem Alltag entstehen sie in der Zusammenarbeit im Team, wo wir Mitarbeiter uns als unterschiedliche Persönlichkeiten einbringen können und so gemeinsamen Ideen entwickeln. Dies geschieht in den Leerräumen, die immer wieder zwischen den zu bewältigenden Aufgaben entstehen. Es sind auch Impulse von ­aussen, wie die Kunstprojekte mit den Studenten der Akademie der Bildenden Künste München oder wie kürzlich, wenn das Bundesjugendballett Deutschland bei uns in der Alterstagesklinik Weinfelden mit unseren Gästen einen Nachmittag gestaltet und damit unser Programm bereichert.

KS: Welches sind die Voraussetzungen für ein Offenes Atelier in einer psychiatrischen Einrichtung und für dessen Leiter?

TM: Ein Offenes Atelier braucht einen Spielraum (ähnlich dem der Patienten), der ­geschützt sein muss. Durch die unterschied­lichen Ausmasse an Organisiertheit von Ab­teilung und Offenem Atelier (oben charakte­risiert als Struktur und Freiraum), bedarf es gegenseitiger wohlwollender Wert­schätzung, gerade weil diese Unterschiede zu Diskus­sionen und Auseinandersetzungen führen können. Dazu gehört auch der Mut zur ­In­stabilität und Bewegung, die gemeinsam getragen werden müssen.

Im Atelier selbst braucht es vom Leiter das Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten der Patienten, die die Atmosphäre durch ihre bildnerische Tätigkeit prägen. Es hat sich ­gerade bei den immer wieder mitarbeitenden Praktikanten gezeigt, dass in einem Offenen Atelier neben der persönlichen Kompetenz die handwerklich künstlerische Erfahrung eine wichtige Rolle spielt. Bedeutsam war dies beispielsweise beim erwähnten Nach­mittag mit dem Jungendbundesballett. Da war die Vorbereitung und Begleitung des strukturierenden Teams wichtig.

KS: Warum spielen heute Kreativität und Kunst eine dermassen grosse Rolle (angesichts all der neuen Museen, Galerien und Ausstellungen weltweit)? Ist Kreativität nicht auch ein integrierter Bestandteil zeitgemässer Psychiatrie?

TM: Kunst und Kreativität geben Antworten zum Leben und sind identitätsstiftend. Es ist nicht mehr eine Religion, die bestimmt, wie zu leben ist, sondern eine Vielfalt von Möglichkeiten geben jedem Menschen die Chance, sein Leben nach seiner Vorstellung zu gestalten und zu erinnern. Hier spielen ­eigene neue Erlebnisse und Erfahrungen eine grosse Rolle und ermöglichen einen anderen Blick auf die Welt –individuell und kollektiv. Ich erinnere mich an die Situation, als eine betagte Patientin anhand von Porträts von Paula Modersohn Becker, einen anderen Blick auf ihre eigene Biografie entwickeln konnte.

Correspondence

Korrespondenz:
Dr. Karl Studer
Praxis im Klosterhof
Klosterhofstrasse 1
8280 Kreuzlingen
karl.studer[at]bluemail.ch

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