Book review

Sabine Jenzer, Willi Keller, Thomas Meier: Eingeschlossen. Alltag und Aufbruch in der psychiatrischen Klinik Burghölzli zur Zeit der Brandkatastrophe von 1971

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00550
Publication Date: 28.03.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(03):95-96

Thomas von Salis, Zollikon

S. Jenzer, W. Keller, T. Meier

Eingeschlossen. Alltag und Aufbruch in der psychiatrischen Klinik Burghölzli zur Zeit der Brandkatastrophe von 1971

Zürich: Chronos Verlag; 2017.

168 Seiten, 87 Abbildungen, gebunden.

Preis: CHF 48.00 / EUR 48.00.

ISBN: 978-3-0340-1414-4.

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Dieses Buch wurde in der NZZ von Dorothee Vögeli am 14.11.2017 mit Wiedergabe der ­Fotos ausführlich besprochen. «Als 28 Patienten hinter verschlossenen Türen erstickten» titelte sie ihren Beitrag und lieferte auch die im Buch enthaltenen Informationen zu den skandalösen Zuständen, die für den Brand von ursächlicher Bedeutung waren.

Das Buch ist aber, wie aus der Rezension hervorgeht, nicht nur eine Anklage. Es gibt viel­mehr auch die Aufbruchsstimmung wieder, die in den End-Sechziger- und anfangs Sieb­zigerjahren herrschte und eine bedeutende Verbesserung für die Patienten und das Per­sonal brachte.

Die Dreiteilung in «Brandkatastrophe», «Fotografien» und «Alltag und Wandel» ist leserfreundlich und dient der guten Übersicht.

Willi Kellers ausgezeichneten und oft berührenden Fotos aus der Zeit vor dem «Wandel» zeigen den Alltag in der Klinik, wie ich ihn auch selbst in meiner Assistentenzeit um 1969–70 erlebte.

Die NZZ-Rezensentin ­zitiert aus den Bild­legen­den, die Willi Keller selbst verfasst hat, nicht immer korrekt, zum Beispiel «Die Regierung besucht die ­Klinik, hört sich die Probleme des Pflege­personals an, bedankt sich und geht wieder, wie Willi Keller in der Bildlegende schreibt». Es heisst im Buch aber (letzter Satz der Legende «Die Regierung kommt»): «Freund­lich hört sich die Regierung die Pro­bleme des ­Pflegepersonals an, bedankt sich und geht weiter». Die Tendenz stimmt aber: Es ist nicht zu vermeiden, dass im Buch die ­Bitterkeit über Gleichgültigkeit und Sparen am falschen Ort immer wieder durchdringt.

Eine andere Legende Kellers lautet: «Brandmelder. – An der Decke Brandmelder. Der ­Patient sitzt eingesunken im geborstenen Lehnstuhl. Es gibt viele geborstene Lehnstühle. Immer wieder werden sie vom Per­sonal verdrahtet und verklebt. Neue Stühle sind längst beantragt, kommen aber nie …» (Seitenzahlen fehlen im Foto- Teil).

Die Fotos zeigen das Burghölzli noch mit der Mauer und mit Baugerüsten, mit den ­inzwischen in den Hintergrund getretenen landwirtschaftlichen Anlagen und Tätigkeiten, und immer wieder mit den rau­chenden Patienten. Auch mit Feuer im Freien sieht man auf vier Fotos Patienten sich beschäf­tigen. Die ersten 13 Bilder zeigen verschneite Szenen, was dem Ganzen eine atmosphärische Tendenz verleiht. Besonders eindrücklich kommt zum Ausdruck, dass es sich bei den ­abgebildeten Patienten um Langzeitaufenthalter geht; heute ist das in der Psychiatrie kaum noch vorstellbar. Das Herumsitzen und Herumstehen der Patienten lässt den ­Betrachter die Zeit spüren, die mit Warten verbracht wird. Auf vielen Bildern sieht man das Nebeneinander, auf vielen aber auch das Mitein­ander der Patienten, und es entsteht der Eindruck, dass diese Leute vielleicht auch ausserhalb der Mauern und der verschlos­senen Räume leben könnten.

Auch die Psychopathologie kommt bei ein­zelnen Fotos zum Ausdruck, sei es in der absonderlichen Positionierung im Bett, sei es im orientierungslosen, leeren Gesichtsausdruck. Die ­körperlich-medizinische Versorgung wird mit ein paar diskreten und sym­pathischen Bildern illustriert und hat grosse Bedeutung, was mir für die damalige ideo­logische At­mosphäre typisch erscheint. Allerdings steht dem entgegen, was die Interviewten über die schlechten hygienischen Bedingungen in der Anstalt, vor allem in den unruhigen Abteilungen, aussagen. Ich hatte als Assistent in der Frauenabteilung zu jener Zeit immerhin ­einen ausgesprochen guten Eindruck von der Pflege der alten Frauen, wobei dem Körperl­ichen sicher grössere Bedeutung beigemessen wurde als dem Psychosozialen. Diese Gewichtung hat sich in den nachfol­genden Dezennien gewandelt.

Wenn man heute durch das Burghölzli, das jetzt «PUK» heisst, spaziert, findet man von der ­damaligen Stimmung kaum mehr eine Spur. Als ich Ende 90er-Jahre mit einem argenti­nischen Kollegen durch die Höfe in die Cafe­teria ging, war er beeindruckt. Er sagte, in ­Lateinamerika sei eine solche (moderne und offene) psychiatrische Klinik undenkbar. Tatsächlich waren die Patienten kaum von den Betreuern zu unterscheiden und bewegten sich ebenso frei im Areal wie die wirklich Freien.

Die Wiedergabe der Interviews mit dama­ligen Mitarbeitern ist gut gelungen; sie ver­mittelt aber nichts von der Konfliktstimmung, die ich damals und in den Folgejahren intensiv verspürt hatte. Die Interviewten Angst, Rothschild und Uchtenhagen zum Beispiel waren Exponenten sehr unterschied­licher Weltauffassungen und Ansichten zur psychiatrischen Theorie und Praxis. Im Buch aber finden wir viele Äusserungen von ihnen, die gegenseitig kompatibel erscheinen. Die Feststellung, dass ideologische Gräben nicht unbedingt auch Gräben zwischen verschie­denen praktischen Tätigkeiten und Techniken bedingen, ist ja auch zeitgemäss.

Man könnte vielleicht eine gewisse Nostalgie aus den Interviews herauslesen. Der letzte Satz des Buches zitiert Uchtenhagen: er hoffe allerdings, dass bis dahin (gemeint ist der Zeitpunkt der Ernüchterung nach dem Boom der Neurowissenschaften) «nicht allzuviel von der psychiatrischen Kultur der 80er- und 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts verloren­geht.» Aber die heute (verschärft) aktuellen Missstände werden sicher zur Recht an den Pranger gestellt; auch wenn der Zeitdruck und die übertriebenen Anforderungen an die Büro­arbeit der Ärzte und des Pflegepersonals nicht Psychiatrie-spezifisch sind. Wir lesen aber mit Zustimmung, wie vieles sich tat­sächlich in der Auffassung psychischer «Stö­rungen» oder «Krankheiten» in den letzten Dezennien gewandelt hat, und wie frag­wür­dig der Gebrauch immer neuerer und teurerer Psychopharmaka angesichts der unbewiesenen Wirkungssteigerung ist.

Es war, wie Rothschild auf Seite 121 zitiert wird, «meistens eine Zwangsbehandlung, ­gegen den Willen der Patienten». Um so wichtiger war es, dass die Ärzte/-innen zusammen mit den Pflegefachleuten einen Umgang mit den Patienten/-innen zu entwickeln suchten, der den Klinikaufenthalt erträglich machte. Mich erstaunt, dass Rothschild nichts vom ­Patientenclub sagte, den er ins Leben gerufen hatte, und dem ich manchen Einblick in die Potentiale der Patienten/-innen verdanke, der ohne die ­Aktivitäten des Clubs nicht ­möglich gewesen wäre. Wir unternahmen ­regelmässig mit den Patienten/-innen etwas, sei es ein Ausflug in die ­nähere oder weitere ­Umgebung, etwa zum Greifensee mit einem nächtlichen Bad oder in ein Privathaus zum gemütlichen Beisammensein, oder ein Tanzabend im Festsaal des Burghölzli.

Das Buch ist als schönes und wertvolles ­Dokument zur Geschichte der Psychiatrie zu empfehlen.

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