Book review

Sigmund Freud Gesamtausgabe (SFG), Band 8 - 10

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00582
Publication Date: 19.09.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(06):193-194

Joachim Küchenhoff, Basel

Christfried Tögel (Hrsg)

Siegmund Freud Gesamtausgabe

Band 8 bis 10

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2017 bis 2018. Bd. 8: 183 Seiten, Preis: € 69,90.

ISBN: 978-3-8379-2408-4

Bd. 9: 422 Seiten, Preis: € 69,90.

ISBN: 978-3-8379-2409-1.

Bd. 10: 279 Seiten, Preis: € 69,90.

ISBN: 978-3-8379-2410-7.

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Mit dem Erscheinen der nächsten drei Bände der Sigmund Freud-Gesamtausgabe (SFG) im letzten und in diesem Jahr geht die Reise durch die Werkbiographie und alle publizierten Texte Freuds weiter; wir befinden uns in den Jahren 1901 bis 1906.

Eminente Werke werden in dieser Zeit ver­öffentlicht. Da ist zum einen «Zur Psychopathologie des Alltagslebens». Freud untersucht die bislang wissenschaftlich unbeachteten Phänomene, die jeder kennt, die Fehlhandlungen, wie Versprecher, Verschreiber oder ­Lesefehler, und Fehlleistungen, wie das Ver­gessen. Allein das gesammelte Material macht aus dem Text eine Fundgrube zur ­Kultur- und Alltagsgeschichte der Psycho­pathologie. Revolutionär aber ist das Stu­dienergebnis: die kleinen Fehler des täglichen Lebens verdanken sich den nämlichen seelischen Mechanismen und Kräften, die auch den Traum gestalten und die seelischen ­Be­lastungen und Krankheiten, die damals so ­genannten Psychoneurosen. Damit aber ist eine Brücke geschlagen zwischen Krankheit und Normalität, das scheinbar Abwegige oder Anormale lässt sich nicht ausgrenzen, es wird von den seelischen Kräften gestaltet, die jeder Mensch bei sich beherbergt.

In bewundernswerter Konsequenz verfolgt Freud diesen Pfad weiter. Er widmet sich nun dem Witz: «Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten» – auch das Lachen und der Effekt eines Witzes lassen sich durch die unbewussten Prozesse erläutern. Hinzu kommt: Wenn wir einen Witz erzählen, dann nutzen wir ganz selbstverständlich die Sprache, der Witz wird erzählt. Daher bietet es sich für Freud an, die Zusammenhänge zwischen unbewusster Dynamik und Sprache zu erforschen, ein Thema, das im Übrigen ja schon überall in der «Traumdeutung» einige Jahre früher bei der Untersuchung der Traumerzählungen relevant war. Wie das Unbewusste mit der Sprache arbeitet und spielt, wie umgekehrt das Unbewusste eine Funktion der Sprache ist, diese Fragestellung wird im Verlauf des letzten Jahrhunderts von ­Jacques Lacan bis Julia Kristeva und darüber hinaus aufgegriffen. Die Psychoanalyse wird bereits früh für Linguistik und Semiotik wichtig, wie auch umgekehrt.

Freud ist in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bereits eine berühmte Persönlichkeit. Für seine These von der sexuellen Ätiologie der seelischen Krankheiten wird er aber auch angegriffen. Einige kleinere Texte widmen sich der Aufgabe, geduldig zu erläutern, wie diese These zu verstehen ist. Aber das reicht nicht; es wird Zeit für eine systematische ­Darstellung der eigenen Sexualtheorie im Kontext des Forschungsstandes seiner Zeit, und die liefert Freud in den «Drei Abhand­lungen zur Sexualtheorie» in grosser Klarheit. Da auch die empirische Basis seiner oft als Spekulation abgetanen Befunde angezweifelt wird, entschliesst sich Freud nach langer ­Vorbereitungszeit, einen detaillierten Einblick in die eigene Arbeit zu geben, um auf diese Weise Zeugnis abzulegen von dem Ursprung hysterischer Phänomene in der psychosexuellen Traumatisierung und in darauf aufbauenden unbewussten Konflikten, aber auch um zu zeigen, wie er arbeitet, wie die analytische Methode es erlaubt, anders nicht fassbare ­Erlebnisformen sehen, verstehen und bearbeiten zu können. «Bruchstück einer Hys­terie-Analyse» heisst der Text, in dem der ­wissenschaftshistorisch berühmte Fall «Dora» niedergelegt ist und der seither niemals aufgehört hat diskutiert zu werden.

Wie bereits in den früheren Bänden freue ich mich besonders über die bislang kaum oder gar nicht zugänglichen kleinen Text-Miniaturen; ich beschränke mich auf einige Beispiele: In ganz kurzen Worten bespricht Freud einen – damals freilich noch nicht so genannten – Ratgeber zu «Lebensregeln für Neurastheniker» (Band 10, S. 207). Das lapidare Fazit: Für den Kranken sei das Buch völlig unzureichend, und der Gesunde lese derlei Bücher ­ohnehin nicht. Was würde Freud zur unübersehbaren Flut der Ratgeberliteratur heute ­sagen, sie vielleicht als Ausdruck einer persönlichen Orientierungslosigkeit werten?

In einem Gutachten äussert sich Freud zum Entwurf eines neuen Eherechts (Band 10, S. 201–206). Ohne Wenn und Aber plädiert er für die «Legalisierung andrer als der ehelichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern», auf die Frage hin, wie die Sittlichkeit in der Gesellschaft zu fördern sei. Ebenso ­bestimmt und mutig fällt die Stellungnahme zu einem Fall eines bekannten Akademikers aus, der wegen Homosexualität verurteilt worden war (Band 10, S. 209–212, «Stellungnahme zum Fall Prof. Dr. Beer»). Freud macht klar, dass der Homosexuelle «nicht vor das ­Forum eines Gerichtshofes gehört», und weiter: «Homosexuelle Personen sind nicht krankhaft». Zugleich aber grenzt Freud davon ab, dass «ein Mensch, der Knaben ­missbraucht hat, die noch nicht das gesetz­liche ­Alter erreicht haben», verurteilt werden sollte.

In der Rezension früherer Bände habe ich die editorische Entscheidung, alle Texte chronologisch zu veröffentlichen, in ihren Stärken und Schwächen bereits dargestellt. Der nun vorliegende Band 8 dürfte für den an der ­fachlichen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse interessierten Leser entbehrlich sein. Die Abhandlung zur Psychopathologie des Alltagslebens wird in Band 8 in der Form abgedruckt, wie sie als Beitrag zu einer Zeitschrift erstveröffentlicht wurde. Den Band 9 füllt die Buchversion, die mit der ­Zeitschriften-Publikation textidentisch ist. Band 8 enthält zudem den kleinen Text «Ueber den Traum» (S. 11–60), der offenbar ein Exzerpt der «Traumdeutung» darstellt. Hier nun macht sich die Kargheit der editorischen Bemerkungen recht störend bemerkbar. Dringend wäre eine Leserführung durch die ­Herausgeber, Christfried Tögel und Urban Zerfass, an dieser und an vergleichbaren ­Stellen: ist es wirklich ein «Auszug», wie es in der Vorbemerkung heisst, oder doch eine spannende Zusammenfassung? Wird in dem Text etwas Neues entwickelt, das über die «Traumdeutung» hinausgeht? Der besorgte und mit der SFG ansonsten so zufriedene ­Leser fragt sich, ob im Kontext dieses verdienstvollen ­Pionierwerkes an der falschen Stelle gespart wird. Diese kritische Anmerkung schmälert die Anerkennung nicht, die Dankbarkeit für den großen Gewinn, der mit der schrittweisen Neu-Edition der Werke Freuds verbunden ist. Wir können uns auf die nächsten Bände freuen.