Review article

Gedanken zum schmerzlichen Verlust einer Selbstverständlichkeit

Was heisst schon «Frau» 
bzw. «Mann»?

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00599
Publication Date: 31.10.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(07):208-213

Peter Passett

Summary

What does “man” or “woman” really mean?

In his era it was possible for Freud to write: “Male or female is the first ­distinction you make when you meet another human being, and you are accustomed to make that distinction with reasonable certainty.” In present days however, it is by no means always natural what we usually consider the most natural thing about a person’s social classification. When in ­everyday life we make the judgment that this or that person is a woman or a man, we do so on the basis of consciously perceived characteristics, but have to take into account that a) others may see this dif­ferently, and b) our own unconscious notions muddy, even interfere with, our consciously perceived image.

In order to define more clearly the interrelation of sex and sexuality, the English term «gender» has recently been introduced. I reflect on the basis of Jean Laplanche’s revision of the psychoanalysis how these three terms relate to each other.

Key words: Gender

Neulich spielte sich vor mir an der Migros-Kasse die folgende Szene ab: Ein Mensch mit blonder Perücke, Minirock, Stöckelschuhen und behaarten, musku­lösen Waden wurde von der Kassiererin darauf aufmerksam gemacht, dass sein Blumenkohl nicht ge­wogen worden sei. Darauf folgte eine wortreiche ­Entschuldigung, während die Kassiererin einer Kollegin zurief: «Leg doch bitte schnell den Blumenkohl auf die Wage. Er hat es vergessen». Reaktion: «Sie, wenn ich bitten darf!» Die Kassierin: «Was?» Die fragliche Person: «Sie hat es vergessen.» Darauf tippt sich die Kassiererin die Augen verdrehend mit dem Finger an die Stirn.

Die kleine Szene zeigt: Was wir gewöhnlich als das Selbstverständlichste bei der sozialen Einordnung ­einer Person betrachten, ist dies keineswegs immer. Freud konnte 1933 noch schreiben: «Männlich oder weiblich ist die erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn Sie mit einem anderen menschlichen Wesen ­zusammentreffen und Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbedenklicher Sicherheit zu machen» [1]. Das liesse sich so heute nicht mehr ­sagen.

Wenn wir im Alltag das Urteil fällen, diese oder jene Person sei eine Frau bzw. ein Mann, so tun wir das ­aufgrund bewusst wahrgenommener Eigenschaften, müssen aber damit rechnen, dass a) andere das vielleicht anders sehen und dass b) eigene unbewusste Vorstellungen unser bewusst wahrgenommenes Bild verunklären, wenn nicht stören. Das ist schwer zu ­akzeptieren, denn – auch als Psychoanalytiker – be­stehen wir im Alltagsleben darauf, dass die Dinge so sind, wie wir sie sehen und wenn wir Unschärfen, ­Ungenauigkeiten und Widersprüche entdecken, halten wir diese für Fehlwahrnehmungen, verursacht durch uns selbst – aber weit häufiger durch von anderen – ­gemachte Fehlurteile. Die Realität bzw. das, was wir ­dafür halten, so glauben wir, sei eindeutig und ohne Widersprüche.

Der wahrnehmbare Unterschied zwischen den Geschlechtern wird in der Biologie als «Geschlechts­dimorphismus» bezeichnet. Er kann bei nahe verwandten ­Arten extrem unterschiedlich sein. So ist er in gewissen Fällen (z.B. bei gewissen Rabenvögeln) ­sowohl für uns, wie offenbar für die Vögel selbst kaum wahrnehmbar, während er bei anderen (z.B. den Edelpapageien) so drastisch ist, dass Zoologen die beiden Geschlechter lange für verschiedene Arten hielten. Man kann also sagen, dass der wahrnehmbare Unterschied der Geschlechter biologisch insofern etwas ­Zufälliges ist, als er in keinem funktionalen Verhältnis zu den Prozessen der Arterhaltung steht. Er kann ge­geben sein, oder auch nicht, gross oder klein sein, hat aber für die geschlechtlichen Funktionen selbst keine grosse Bedeutung. Die biologischen Funktionen der Reproduktion sind ausschliesslich an die Geschlechtsorgane gebunden. Diese sind nicht notwendig sichtbar oder sonstwie wahrnehmbar und sie sind in aller Regel mit keinen anderen Merkmalen, seien es solche der körperlichen Form oder des Verhaltens, zwingend ­verbunden.

Wie das Verhältnis von wahrnehmbaren Eigenschaften, biologischen Funktionen und sozialen Konstruk­tionen bei uns Menschen konkret aussieht, hängt in hohem Grad von den gerade herrschenden sozialen, klimatischen und technologischen Bedingungen ab, unter denen wir leben. Diese Bedingungen üben einen Einfluss auf die Gestaltung der Geschlechterrollen und damit auf die wahrnehmbare Erscheinung und auf das Selbstverständnis der Geschlechter aus. Allerdings sind sie Veränderungen unterworfen, die um so schneller und häufiger eintreten, je mehr sie – anstatt von natürlichen äusseren Faktoren abzuhängen – durch kulturelle Verhältnisse verursacht sind, durch Verhältnisse also, die durch homo sapiens selbst laufend neu geschaffen werden.

Ich will im Folgenden nun einige Begriffe klären. Wenn wir in der Psychoanalyse – und auch in vielen anderen nicht-biologischen Kontexten – von Sexualität sprechen, meinen wir in der Regel nicht das Insgesamt der Funktionen, die zur Arterhaltung gehören, sondern ein Ensemble von Eigenschaften und Verhaltens- und Erlebnisweisen, die zwar häufig mit den biolo­gischen geschlechtlichen Funktionen einhergehen oder von ­ihnen ihren Ausgang nehmen, aber nicht ein wesent­licher Teil von ihnen sind. In diesem Sinne hatte Freud in seinen drei Abhandlungen den Begriff der ­Sexualität erweitert und damit einen wichtigen ­Bereich menschlichen Verhaltens und psychischen, wie auch körperlichen Erlebens umschrieben, der zwar teilweise mit den biologischen Sexualfunktionen einhergeht, aber sich zu einem bedeutenden Teil un­abhängig von ihnen manifestiert [2]. Dieser Erlebens-Bereich hat zudem eine eigene ­Geschichte, die v.a, durch soziale, sprich interak­tionale Gegebenheiten ­bestimmt und geprägt wird.

In neuerer Zeit hat man im Bestreben, den Zusammenhang von Geschlecht und Sex(ualität) klarer zu defi­nieren, den englischen Begriff «Gender» geprägt, der die subjektive Gewissheit, bzw. den als erfüllt verstandenen Wunsch eines Subjekts bezeichnet, einem der ­beiden Geschlechter )(oder beiden) zuzugehören. Aber die Art, wie sich Gender, Geschlecht (bzw. Geschlechtlichkeit) und Sex (bzw. Sexualität) zueinander verhalten, gibt trotzdem immer wieder Anlass zu viel Ver­wirrung. Obwohl ich nicht in der Lage bin, in dieser Hinsicht Klarheit und Eindeutigkeit herzustellen, will ich doch versuchen in Anlehnung an den französischen Psychoanalytiker Jean Laplanche diese Verhältnisse zu reflektieren.

Laplanche hatte sich eingehend mit den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs der Sexualität und des Triebes und ihres Wandels beschäftigt. Ich lehne mich im Folgenden eng an seine Sichtweise an, so wie er sie insbesondere in seinem Artikel «Gender, Geschlecht und Sexual» ­dargestellt hat [3, 4]. Da ich die Revision der Psychoanalyse, die Laplanche mit seiner «allgemeinen Verführungstheorie» vorgenommen hat, für deren wichtigste ­Revision nach Freud halte – durch sie wurde eine Ein-Personen-Psychologie in eine Mehr-Personen-Psychologie umgewandelt – beziehen sich meine folgenden Ausführungen, soweit sie psycho­analytisch sind, stets auf diese Variante der Theorie, auch dort, wo ich sie in gewissen Punkten meinerseits interpretiere, ohne dies explizit zu erwähnen [dazu 5].

Das Wort «Sexualität» ist ein aus dem Französischen stammendes, im 18. Jh. gebräuchlich gewordenes Lehnwort, welches den deutschen Begriff Geschlechtlichkeit allmählich verdrängt hat. Obwohl Sexualität nicht identisch ist mit Geschlechtlichkeit, kann sie doch nur mit Bezug auf diese definiert und gefasst werden und zwar entlang den drei klassischen Wegen der Assoziation, also 1. durch ihre Ähnlichkeit mit der Geschlechtlichkeit, 2. durch ihre zeitlich räumliche Kontiguität mit dem Geschlechtlichen und 3. und vor allem, durch ihren Gegensatz zum Geschlechtlichen. Diese Definition durch den Gegensatz ist eigentlich die wichtigste und besteht etwas überspitzt formuliert darin, dass das Sexuelle das Geschlechtliche ist, insoweit dieses verboten, bzw. verfemt ist. Es ist die den Erwachsenen unheimliche, perverse infantile Geschlechtlichkeit.

Laplanche, der ein feines Gespür für die deutsche ­Sprache hatte, hat behauptet, Freud hätte seine drei ­Abhandlungen zur Sexualtheorie unmöglich «Drei ­Abhandlungen zur Geschlechtstheorie» nennen können. Wenn er recht hat – und ich glaube, er hat Recht – heisst das, dass im Begriff «Sexualität» etwas ent­halten ist, was in den Begriffen «Geschlecht» und «Ge­schlechtlichkeit» nicht enthalten ist. Man könnte es versuchsweise folgendermassen umschreiben: Während mit «Geschlechtlichkeit» all das gemeint ist, was unverzichtbar zu den somatischen und psychischen Funktionen der Arterhaltung gehört, meint ­«Sexualität» all das, was mit den subjektiven Empfindungen auf den verschiedensten Ebenen zu tun hat, welche die geschlechtlichen Funktionen begleiten, aber – und das ist wichtig –, sich in grossem Ausmass von diesen Funktionen emanzipiert hat und im Verlaufe der Menschheits­geschichte zunehmend ohne ­direkte Verbindung zu ihnen auftritt. Man kann all dies auch als die «Sexua­lität im erweiterten Sinne» ­bezeichnen. «Sexualität» und «Geschlechtlichkeit» sind beide gleichermassen körperlich fundiert, aber in anderer Weise mit mentalen Prozessen verbunden. Die mit dem Geschlechtlichen ver­löteten Empfindungen, z.B. der Erregung, sind genetisch vererbt und inhaltlich unbestimmt. Die sexuellen Empfindungen sind ­dagegen lebensgeschichtlich erworben, interaktionell bestimmt und geformt und inhaltlich präzisiert. Die geschlechtlichen Empfindungen sind mit dem bio­logischen Geschlecht einigermassen fest verlötet. Die ­sexuellen Empfindungen sind zwar mit dem Gender assoziiert, aber nicht fest, sondern beliebig ­d.h. entsprechend lebensgeschichtlichen Erfahrungen bewusster und unbewusster Art. Die körper­lichen und psychischen Erregungen bei einem ­geschlechtlichen Vorgang, ­einem Orgasmus z.B., sind – was deren ­sexuelle Dimension betrifft – von inhaltlich sehr unterschiedlichen Phantasien begleitet, die nicht notwendig geschlechtsspezifisch sind, wenn sie sich auch sta­tistisch in je typischen Häufigkeiten sowohl bei den zwei Geschlechtern wie auch bei ­bestimmten sexuellen Orientierungen vorfinden ­mögen. Die sexuellen Phantasien werden durch interpersonelle Erfahrungen und deren Verarbeitung geformt und moduliert und sie entstehen, wie es scheint, zwar vorwiegend, aber nicht ausschliesslich in der Kindheit und Jugend. Welche Erfahrungen ein Individuum während seines Lebens macht, wird einerseits determiniert durch teils kontingente Begegnungen und Beziehungen zu Anderen, andererseits aber auch durch die ökonomischen, sozialen und materiell-technologischen Strukturen, die es umgeben.

Alle Gesellschaften sind auf eine kollektiv verfasste Ordnung angewiesen und generieren dazu u.a. verbindliche Rollen. Die Soziologin Verena Tobler nennt die kontextabhängigen sozialen Rollen, mit denen die Menschen in einer Gesellschaft überleben, Kern­rollen [6]. Die in archaischen Gesellschaften primär wich­tigen Geschlechter- und Generationsrollen sind in ­Europa beliebig geworden, hingegen sind die Be­rufsrollen bei uns verbindlich konstruiert und hie­­rarchisiert, was sich z.B. in der unterschiedlichen ­Ent­lohnung einer Managerin und einer Putzfrau niederschlägt. Für die Berufsarbeit werden wir bezahlt und viele sind, v.a. in den höheren Berufen, mit ihrer Berufsarbeit identi­fiziert. Die traditionalen Geschlechterrollen lösen sich dagegen hierzulande allmählich auf, weil ihnen für die Erfüllung der zentralen Auf­gaben und Kompetenzen kaum mehr Bedeutung zukommt, sie sind aber nicht völlig aus dem Bewusstsein verschwunden. In weltwirtschaftlichen Randregionen, wo Arbeitsplätze fehlen und oft nur eine kleine ­Minderheit formell in die Kapitalzirkulation integriert ist, verfügt der Staat aus diesen Gründen nicht über ­jenes Steuereinkommen das nötig wäre, um, wie bei uns, ein demokratisch verfasstes, aber monetarisiertes Justiz- und Ordnungssystem aufrecht zu erhalten. Die meisten Menschen überleben dort nur mit und dank verbindlicher Geschlechts- Generations- und Verwandtschaftsrollen. Denn Schutz, soziale Sicherheit und geregelte kom­petente Produktion sind dort nur im Rahmen der vormonetär organisierten Kernrollen, d.h. den verbind­lichen Primärrollen zu haben.

In der modernen, bzw. monetarisierten Welt dagegen geniessen die Individuen zunehmende Wahlfreiheit bei der Übernahme der ehemals fixierten Geschlechterrollen. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Die jahrtausendealten Geschlechterrollen sind, vermittelt durch bewusste und unbewusste Lernprozesse noch in den Köpfen der Individuen vorhanden und an gewisse biologische Gegebenheiten geknüpft, obwohl sie mit diesen nie zwingend verbunden gewesen waren. Andererseits haben die Individuen nun ein ­Interesse, Ihre Wahlfreiheit zu nutzen und die gewählte Genderrolle ihren subjektiven Beziehungs­er­fahrungen, ihren spezifischen körperlichen Gegebenheiten und den durch diese bedingten Empfindungen anzupassen. Weil diese Rollen aber immer noch durch ihre traditionellen Ausprägungen definiert sind, kommen sie dann in einer Anzahl von Fällen in Konflikt mit den von aussen an diese Individuen herangetra­genen Erwartungen (vgl. mein einleitendes Beispiel). Sog. «Transgenderpersonen» sind bemüht, durch Kleidung, Körperpflege und durch chirurgische Eingriffe, ihre wahrnehmbare Erscheinung dem Geschlecht anzugleichen, welches dem von ihnen gewählten Gender entspricht und so diese Konflikte zu minimieren, was aber oft nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt.

Wenn das biologische Geschlecht kein sozial wichtiges Unterscheidungsmerkmal mehr darstellt, sollte es ­eigentlich keine Geschlechterrollen mehr geben und nur noch Generations- und Berufsrollen. Dieser Zustand kann aber schwerlich herbeigeführt werden, weil das für die Arterhaltung nach wie vor unverzichtbare heterosexuelle Erleben an eine Differenzerfahrung zwischen den Beteiligten gebunden ist, die wiederum an körperliche Merkmale geknüpft sein muss. Deshalb braucht es «Rollen», die an die körperliche Konstitution gebunden sind. Wenn nun aber die ­körperlich/biologisch definierten Geschlechterrollen keine soziale Funktion mehr haben, sondern bloss noch eine biologische, können sie als Verhaltens­ensembles nicht inhaltlich gefüllt werden, es sei denn durch Eigenschaften, die sie ehemals hatten und die noch erinnert werden.

Dies ist heute der Fall. Und so können wir sagen, dass die Konflikte, die sich heute um Geschlechterrollen entspinnen, eigentlich Konflikte zwischen vergangenen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnungen sind, deren rollenmässige ­Abkömmlinge im Bereich des aktuellen Sexuellen ­aufeinanderprallen. Sie sind nicht irgendwie biologisch ­begründete Konflikte zwischen Mann und Frau oder Heterosexuellen und ­Homosexuellen.

Rollen, und um solche geht es hier, sind komplexe ­Verbindungen von Verhaltens- und Erlebnisweisen, welche die Individuen sich im Verlaufe ihrer Geschichte – ich sage absichtlich nicht Entwicklung! –durch bewusste und unbewusste Erlebnisse, aufgrund von Zuschreibungen und von Übernahme bzw. Ab­lehnung solcher Zuschreibungen zueigen machen. Wie sich Geschlechter-, Sexualitäts-, und Genderrollen im Bezug auf ihr Zustandekommen zueinander ver­halten, hat Laplanche zu verstehen versucht. Und auch wenn sein Versuch nicht das letzte Wort in dieser Sache ist, scheint er doch geeignet, in ­unser Denken über diese Dinge eine gewisse ­Ordnung zu bringen.

Wir unterscheiden also die beiden Begriffe «Ge­schlecht(lichkeit)» und «Sex(ualität)». Das Geschlecht ist binär, was sich in dem einen Unterschied äussert, der folglich als der Geschlechtsunterschied apostrophiert wird. Dagegen ist der Sex oder die Sexualität ­polymorph, vielfältig. Es gibt nicht den Unterschied sondern viele Unterschiede zwischen vielen Sexualitäten. Diese Sexualitäten sind im Sinne der psychoanalytischen Theorie nicht genital, sondern prägenital, oral anal strukturiert. Sie gehen also der genitalen Geschlechtlichkeit in ihrem Auftauchen beim mensch­lichen Individuum voraus.

Da man aber Sexualität ohne Bezug auf Geschlechtlichkeit nicht definieren kann, wie ich vorher erwähnt habe, sind die beiden Begriffe in schwer durchschau­barer Weise miteinander verhängt. Das hat etwas ­Unbefriedigendes, und man hatte es deshalb als Erleich­terung empfunden, mit dem Begriff Gender nun etwas Drittes zu haben, das die Dinge mögli­cherweise übersichtlicher machen konnte. Der Begriff wurde 1955 von dem Sexologen J. Money eingeführt und v.a. durch R. Stoller und im Anschluss an diesen durch die feministischen Wissenschaftlerinnen bekannt gemacht [7]. Der in vielen Zusammenhängen sinnvolle und klärende Begriff kann aber denjenigen des Geschlechts doch nicht vollständig ersetzen, da sich die biologische Tatsache des Geschlechts nicht leugnen, sondern höchstens, wie z.B. von Simone de Beauvoir als «kör­perliche Tatsache ohne Bedeutung» bezeichnen lässt.

Aber wie ist das zu verstehen? Was ist eine Tatsache und was ist eine Bedeutung? Der Erwachsene reaktiviert in Anwesenheit des Kindes immer seine eigene Infantilität und diese prägt deshalb das entscheidend mit, was er als Erwachsener dem Kind vermittelt. Das prägenitale Kind sieht sich einem genitalen Erwach­senen gegenüber, der aber in allem, was er dem Kind als vermeintliche Fakten vermittelt, wesentlich durch seine immer noch präsente, wenn auch verdrängte ­Infantilität und deren kindliche Verständnismuster geprägt ist, so dass das, was das Kind von ihm erfährt, seiner Bedeutung nach, stets eine prägenital korrumpierte Genitalität ist.

Fakten sind also, so weit sie mit­geteilt werden, unvermeidlich überlagert und durchdrungen von Inter­pretationen und insofern macht es keinen Sinn von Tatsachen jenseits von Bedeutungen zu sprechen. Nackte Tatsachen gibt es nicht.

Der Gender, seinem Wesen nach eine Interpretation und kein «Datum» (etwas «Gegebenes»), entsteht in wechselseitigen Prozessen von Zuschreibung oder ­Vorschrift (Laplanche) durch die Erwachsenen und ­Aneignung oder Ablehnung durch das Kind. Aber was sich das Kind aneignet, sind keine Tatsachen sondern das ist Interpretiertes und seinerseits wieder Über­setzungsbedürftiges1. Die Zuschreibenden sind die ­konkreten wenigen individuellen Erwachsenen der ­unmittelbaren Umwelt des Kindes, die de facto die ­Zuschreibung vornehmen, wobei sie zwar durch ihre individuelle Geschichte und die allgemeinen sozialen Strukturen beeinflusst, aber nicht völlig determiniert sind. Diese Zuschreibungsprozesse finden also in bedingter Freiheit statt und sind nicht zwingend. Die ­ursprüngliche Identifizierung (mit dem Vater der persönlichen Frühzeit, wie Freud sie sah) ist genau ­be­sehen eine Identifizierung durch – und zwar nicht den Vater, sondern – die Eltern, bzw. die nächsten ­Bezugspersonen. Die Erfahrung von Gender kommt also beim einzelnen Menschen zeitlich vor der Erfahrung von Geschlecht, wird aber durch dieses orga­nisiert, was nichts anders heisst, als dass dieses, obwohl es beim Kind konkret noch nicht voll entwickelt ist, virtuell eben doch schon als ein hochambivalentes «Stör­geräusch» von Seiten der Erwachsenen wirksam ist. Und dieses Geschlecht, das da störend mit dem ­Prozess der Bildung des Gender interferiert, ist schon in sich selbst «gestört», weil es nicht das tatsächliche biolo­gische Geschlecht ist, wofür es sich hält, sondern das durch die Erwachsenen vermittelte, ideologisch korrumpierte Geschlecht der sog. «phallischen Logik».

Kann man so etwas behaupten, angesichts der «Tat­sache» des gewachsenen Felsens der Anatomie, von der Freud sagt, sie sei das Schicksal? Im Bezug auf diese ­Behauptung, die man meist so liest, als sei die Biologie Schicksal, gilt es, eine Verwechslung klar zu stellen, der Freud, wie viele andere, erlegen ist. Die Freud’sche Anatomie ist, wie Laplanche pointiert sagt, eine illu­sionäre, wahrnehmungsbedingte Populäranatomie, in der es nur ein wahrnehmbares Geschlecht, nämlich das männliche gibt, da das ­weibliche mit der Auf­richtung des Menschentiers unsichtbar geworden sei (so wiederum die These Freuds). Diese Populärana­tomie entspricht nicht der biologischen Realität. Das weibliche Geschlecht ist in Wirklichkeit keineswegs durch die Abwesenheit des Phallus charakterisiert, sondern hat seine eigene, komplexe Struktur, ist aber unter den Bedingungen der Kultur vielleicht nicht ganz so vermeintlich zufällig unsichtbar gew­orden.

Die ­Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die ­aus ­vielen Differenzen bestehen, sind so in diesem Denken zum einen Geschlechtsunterschied zusammen­geschrumpft. Der wahrnehmbare eine Unterschied hat aber nichts mit den tatsächlich mannigfaltigen bio­logischen zu tun, deren Bedeutung nicht zu bestreiten ist. So ist also eine Kontingenz, nämlich die zufällige, kulturell bedingte Unsichtbarkeit des weiblichen Genitales zur Grundlage eines bedeutungsvollen kulturellen Codes, desjenigen von Anwesenheit /Abwesenheit, der sog. phallischen Logik geworden, deren Grundlage, die Differenz 1/0, welch seltsamer Zufall, auch die Grund­lage der modernen Informationswissenschaften und Technologien ist.

Man sollte aber vorsichtig sein und nicht die phallische Logik vorschnell als Ursache des sog. digitalen oder dichotomen Denken identifizieren. Die moderne Vorherrschaft des Digitalen gegenüber dem Analogen ist nur einer unter vielen Hinweisen darauf, dass die Logik des alternativelosen «entweder oder» eine enorme explikative Kraft besitzt. Wahrscheinlich muss sie dann schon sehr früh in der Geschichte der Menschheit entstand sein, möglicherweise unabhängig von der Be­deutung, die das Phallische in ganz ­spezifischen kulturellen Kontexten gehabt haben mochte. Wenn sie heute jene Dominanz erlangt hat, die es nahelegt, die alternative Anwesenheit /Abwesenheit als einzig relevante Differenz zu einem mensch­lichen Existenzial hochzusti­lisieren (wie das z.B. in der lacanianischen Version der Psychoanalyse als Tendenz zu beobachten ist), so ist dies eher ihrer enormen ­erklärenden Potenz zuzuschreiben, als ihrer nahen Verwandtschaft zur phal­lischen Logik. Die phallische Logik ist als Resultat einer bestimmten psychosexuellen Entwicklung nur eine ihrer Ausprägungen.

Wenn wir auch mit guten Gründen sagen können, dass die binäre Wahrnehmung der Geschlechtlichkeit auf einem Mythos gründet, der mythischen Überhöhung des Phallus, so ist die Vermutung doch nicht absurd, dass die erklärungsbedürftige Erfindung dieses Mythos und damit der Kastrationslogik ihrerseits an­geregt und verursacht sein könnte durch eine fun­damentalere, frühere und vielleicht unumgängliche Erfahrung von «entweder oder», nämlich die Dicho­tomie zwischen dem Ich als erkennendem Subjekt und der ihm entgegenstehenden ganz anderen Welt. Diese dichotomische Erfahrung muss wohl als unverzichtbare Voraussetzung für die Entstehung des menschlichen Denkens gesehen werden. Alles ist entweder Ich oder Nicht-Ich, und diese Unterscheidung begründet unser Differenzen setzendes Denken. Dieses Denken aber ist in der Lage, auch andere, nicht dichotome ­Differenzen zu erkennen und zu benennen, doch gibt es in ihm unbestreitbar einen Sog, der dahin tendiert, alles dieser einen primären Unterscheidung unterzuordnen und in ihr aufgehen zu lassen .

Wir können mit Recht sagen, der Gender sei insofern primär, als er, durch Zuschreibungen zustande gekommen, das erste ist, was das Kind in dieser Hinsicht über sich erfährt. Aber: Die Erwachsenen sind in ihrem Tun dadurch geleitet, dass ihre Zuschreibungen von ihrem verdrängten infantil-sexuell erregten Vor- und Unbewussten beeinflusst sind. Das bedeutet, dass bei ihnen als Erwachsenen der Gender durch das Geschlecht «verdrängt» ist, durch jenes Geschlecht allerdings, das nicht eine biologische Tatsache darstellt, sondern dem überbewer­teten, illusionären wahrnehmungsbedingten anatomischen Geschlechtsunterschied geschuldet ist, nämlich der phallischen Logik mit ihrem Ausschluss des Dritten und ihrer Absolutsetzung von «entweder oder».

Wir müssen also eingestehen, dass es sich um eine ­Zirkularität handelt, deren Anfang, wie in jeder Huhn-Ei-Problematik, nicht bestimmt werden kann und die sich in der Phantasie abspielt. Die von der phallischen Logik der Erwach­senen infizierten kindlichen, polymorph perversen Phantasien sind die Matrix, aus der heraus die Vorstellungen der Subjekte über sich selbst und die anderen entstehen. Sie sind allerdings moduliert durch die allgemeinen gesellschaftlichen Struk­turen, die den Rahmen der Wahrscheinlichkeiten ­dessen vorgeben, was jedes Subjekt erleben kann, also die ökonomischen, sozialen, klimatischen technologischen Gegebenheiten innerhalb derer sich das Leben abspielt und die es prägen.

Die Rollen, welche auf diese Art zustande kommen, sind vielfach determiniert und komplex. Obwohl zwei von ihnen mit den komplementären Begriffen weiblich bzw. männlich gleichgesetzt werden, sind diese Begriffe inhaltlich völlig heterogen, individuell und kollektiv gesättigt mit vielfachen Widersprüchen und unterschiedlichsten Vorstellungen. Das alles wiederum ändert nichts daran, dass die Begriffe «männlich» und «weiblich» einen unbestreitbaren Bezug zu biologischen Tatsachen haben, aber – und das kann nicht genug betont werden – mit dem, was diese Begriffe ­gemeinhin meinen, nämlich bestimmte Arten des ­Erlebens und Empfindens, wenig zu tun haben. Sondern sie gehören zu jenen biologischen Gegebenheiten, welche dem Gebiet der materiellen Erhaltung der Art ­zuzurechnen sind.

Unsere Welt ist komplexer geworden, als sie damals war, als weitgehend mit der Biologie kongruente Geschlechterrollen ein zuverlässiges soziales Raster bildeten, mit Hilfe dessen man sich relativ leicht orientieren konnte – wenn das denn überhaupt je so einfach war. Was von diesen Geschlechterrollen übrig geblieben ist, ist von inneren Widersprüchen durchsetzt und eignet sich kaum noch als soziale Orientierungshilfe. In ihrer sozialen Erscheinung sind die Menschen durch viele andere Eigenschaften und Rollen bestimmt, die diese ehemaligen Geschlechterrollen überlagern und entstellen. Die zwei Geschlechterrollen, die primär ­waren, sind ersetzt durch eine immer unübersichtlichere Vielzahl von Sexualitäten, sexuellen Orientierungen und sexuellen Identitäten. Das bedeutet für jene Generationen, die diesen Wandel, der im letzten Jahrhundert so richtig in Schwung gekommen ist, miterlebt haben, eine tiefe Verunsicherung. Aber man darf annehmen, dass künftigen Generationen der schnelle Wandel von Rollen, die sich auf verschiedenste Bereiche beziehen, zu einer ähnlichen Selbstverständlichkeit werden wird, wie es den Alten die Konstanz und scheinbare Eindeutigkeit der konventionellen ­Geschlechterrollen waren.

Allerdings – und dies soll am Schluss doch noch einmal betont werden – sind all diese Rollen und ihre Verän­derungen ganz wesentlich mit determiniert durch die sozialen, technologischen und ökonomischen Verhältnisse, unter denen sie stattfinden. Wenn diese Ver­hältnisse bei uns so bleiben, wie sie jetzt sind (also ­aufgehoben in und abhängig von einem desaströsen Ungleichgewicht zwischen unserer Welt und den von uns an der Partizipation an unserem Reichtum ausgeschlossenen Regionen der Welt) und wenn die ­damit zusammenhängenden sozio-ökologischen und -ökonomischen Probleme nicht global gelöst werden können, wird alle Flexibilität im Umgang mit Rollen nicht verhindern können, dass weit schwerwiegendere Konflikte, als jene rund um die Geschlechterrollen ­unsere Kultur fundamental bedrohen und in Frage stellen werden. Das Verhältnis der Geschlechter ist, wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar, auf das Engste verbunden mit der Frage nach dem Verhältnis unserer Kultur zu ihrer eigenen Vergangenheit und zu fremden Kulturen, räumlich z.T. weit entfernter ­Regionen, mit denen wir aber, wie niemals zuvor, in ­einer exis­tenziellen, wenn auch einseitigen Interaktion stehen. Die unreflektierte Annahme, jene Entwicklung, die zu «unserer Kultur» geführt hat, sei «notwendig» oder gar die bestmögliche, bedarf einer grundsätzlichen Hinterfragung.

Nach einem Referat am ­Symposium «Frage nach dem Geschlecht» ­(Liestal, 14.11.2017)

1 Laplanche versteht das Übersetzen der sog. rätselhaften Botschaften (in ­erster Linie, aber nicht ausschliesslich der sprachlichen Mitteilungen) der Erwachsenen als die wichtigste psychische Arbeit des Kindes und entsprechend ist auch im Erwachsenenleben das Entziffern bzw. Verstehen der Botschaften des Anderen ein Übersetzen und dieses ­damit die wichtigste psychische Tätigkeit des ­Menschen überhaupt. «Rätselhaft» nennt er diese Botschaften, weil sie den Absendern, also den Erwachsenen selbst immer auch zu einem Teil nicht bewusst sind. Es gibt also für ihre Über­setzung keinen fassbaren, gültigen Urtext, was nichts anderes heisst, als dass jede Übersetzung ­zugleich immer auch notwendig eine Neuschöpfung ist. Diese unendliche Kette von Mitteilungen, die immer zugleich verstanden und neu interpretiert werden müssen, ist die Matrix der mensch­lichen Kultur.

Funding / potential competing interests

No financial support and no other potential conflict of interest relevant to this article was reported.

Correspondence

Korrespondenz:
Lic. phil. Peter Passett
Zwinglistrasse 35
8004 Zürich
Passett[at]bluewin.ch

Literatur

1 Freud S. Neue Folge der Vorlesungen in die Psychoanalyse (1933), Stud. Bd. I Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag; 1982.

2 Freud S. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), Stud. Bd. V ­Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag; 1982.

3 Laplanche J. Neue Grundlagen für die Psychoanalyse Giessen: Psycho­sozialverlag, 2011.

4 Laplanche J. Sexual. Giessen: Psychosozialverlag; 2017.

5 Passett P. Die anthropologische Dimension der Sexualität. Das Konzept der Sexualität im Rahmen der allgemeinen Verführungstheorie Jean ­Laplanches. In: Bayer L, Quindeau I, Hrsg. Die unbewusste Botschaft der Verführung. Inter­disziplinäre ­Studien zur Verführungstheorie Lean Laplanches. 2.Aufl. Giessen: Psychosozialverlag; 2014.

6 Tobler V. Wenn Frauen in Männerrollen steigen: Von der ­Geschlechter- zur Berufsrollenhierarchie. In: Brander S, Hrsg. ­Geschlechterdifferenz und Macht. Reflexion gesellschaftlicher Prozesse. Freiburg: Universitätsverlag; 2001.

7 Stoller R. Sex and Gender: On the Development of Masculinity and ­Femininity. New York City: Science House; 1968.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close