Book review

Trauma der Psychoanalyse? Die Vertreibung der Psychoanalyse aus Wien 1938 und die Folgen.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00617
Publication Date: 31.10.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(07):223

Thomas von Salis

Wiener Psychoanalytische Vereinigung (Hg.)

Trauma der Psychoanalyse?

Die Vertreibung der Psychoanalyse 
aus Wien 1938 und die Folgen.

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Giessen: Psychosozial-Verlag; 2016.

Um ein Vorwort ergänzte Neuauflage der ersten Auflage 2005.

Bibliothek der Psychoanalyse.

223 Seiten.

Preis Є 29.90.

ISBN: 978-3-8379-2631-6.

Es ist nun achtzig Jahre her, dass infolge des Anschlusses von Österreich an das faschis­tische Deutschland das Institut der Wiener ­Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) geschlossen wurde. Wegen der Nürnberger Rassengesetze mussten die jüdischen Mitglieder und Aus­bildungskandidaten ins Ausland fliehen. Es waren geschätzt 68 ordentliche und ausser­ordentliche Mitglieder und 38 Kandidaten. Dazu kamen etwa 90 Teilnehmer des von der WPV 1933 eingerichteten «Ausbildungsgangs für die Pädagogen» (Aichhorn T. S. 32 im ­besprochenen Buch).

Auf den letzten Seiten sind die Mitglieder ­namentlich aufgeführt: Es liest sich wie ein «Who is who» der Psychoanalyse, angefangen mit Annie Angel Katan über Erik Erikson, Ruth Eissler, Anna und Siegmund Freud, Heinz Hartmann, Marianne Kris, Margarete Mahler bis zu den in Wien verbliebenen drei Analytikern Aichhorn, Nepallek (1940 verstorben) und Winterstein.

Das Buch enthält die überarbeiteten Beiträge eines Symposiums an der Universität Wien, das 2003 stattgefunden hat und ein neues Vorwort von Sammy Teicher. Er skizziert die Vorgeschichte, die auf ein Entschädigungsverfahren für geraubtes jüdisches Vermögen der österreichischen Bundesregierung zurückgeht. Innerhalb der WPV stritt man ­darüber, ob man die an sich legitimen Ansprüche anmelden solle, da, wie die Mehrheit argumentierte, die WPV zwar die Rechtsnachfolgerin der alten WPV sei, aber die Mitglieder heute nicht «in der Mehrheit aus Nachkommen von Verfolgten, sondern zum ­allergrössten Teil (aus) Nachkommen von Mitläufern oder vielleicht sogar Profiteuren des ­Nationalsozialismus» bestünden (S. I).

Elke Mühlleitners Beitrag (S. 13–28) «Das Ende der psychoanalytischen Bewegung in Wien und die Auflösung der Wiener Psychoanaly­tischen Vereinigung» unterstreicht die Bedeutung Wiens als Entstehungsort der Psychoanalyse und der erzwungenen Emigration fast aller Analytiker wegen der Judenverfolgung. Sie verwendet dabei die Rundbriefe ­Fenichels, die sie mit Johannes Reichmayr 1998 herausgegeben hat [1] und ihr «Bio­graphisches ­Lexikon der Psychoanalyse: Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902–1938» [2]. Ihr Beitrag befasst sich mit der Zeit bis zur Vertreibung 1938, während Thomas Aichhorn die Zeit danach behandelt. Mühlleitner schreibt:

«In Österreich beginnt das Ende der psycho­analytischen Bewegung lange vor 1938. Mit der Errichtung des katholisch-autoritären Doll­fuss-Regimes im Jahr 1934 und der Auflösung, ­Demontage und Illegalisierung wichtiger bildungs- und kulturpolitischer Einrichtungen des «Roten Wien» (…) wurde die Psychoanalyse ­eines wesentlichen Teils ihres Publikums beraubt und war von ihrem ganzen kulturellen und intellektuellen Wirkungs- und Einflussbereich isoliert.» (S. 15 f.)

Nach dem Krieg, 1946, wurde die WPV wieder eröffnet. Die pädagogische (und sozialpäda­gogische) Anwendung der Psychoanalyse, so Thomas Aichhorn, die in Wien vor dem Krieg ­etabliert gewesen war, wurde von den nordamerikanischen und englischen Analytikern abgelehnt. Weder die «erfolgreiche Bemühung nach 1945» von August Aichhorn, die Tradition der pädagogischen Anwendung wieder aufzunehmen, noch die Ausbildung, die Anna Freud in London aufgebaut hatte, wurden von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung anerkannt.

Die Frage des Traumas, auf die der Buch­titel anspielt, ist sehr vielschichtig. Die österreichischen Autoren fassen es so auf, dass nicht nur an individuelle Traumatisierung, sondern auch an kollektive Traumata und ihre Folgen gedacht werden muss. Sie sprechen sich gegen den Rückzug ins Private aus, da eine Einschränkung auf Therapie die Psychoanalyse insgesamt entwerten würde.

In John Kafkas und Marion Oliners brillanten Beiträgen wird näher auf den Traumabegriff und die Transmission über die Generationen eingegangen.

Oliner (S. 155–172) betont eingangs, dass die zweite Generation nicht am Trauma der ­Elterngeneration direkt leidet, sondern sich relativ spät im Leben ein eigenes Verhältnis zum Trauma der Eltern einrichtet. Die Opfer eines Traumas organisieren unbewusst ihr Denken «so, dass die Kenntnis ihrer eigenen ­Geschichte nur noch am Rande von Bedeutung ist» (kursiv im Original). Da sie davon aus­gehen, sie könnten das Geschehene ungeschehen machen und als die Opfer müssten sie den Schaden, den sie verursacht hätten, reparieren, ist ihr Verhalten den eigenen Kindern gegenüber verwirrend. Sie verwickeln ihre Kinder in den «Versuch, das Geschehene ­ungeschehen zu machen», so Oliner. Und ­weiter: Das Trauma wird «zu einer Deck­erinnerung oder zu einem Mythos, die die Funktion haben, Selbstvorwürfe nach aussen zu wenden.» Oliner kritisiert eine unanaly­tische Verwendung des Traumabegriffs und fordert präzise Unterscheidungen, wo es ­darum geht, die ­äusseren geschichtlichen ­Ereignisse und das innerpsychische Geschehen in Beziehung zu setzen.

In Thomas Aichhorns und John Kafkas Bei­trägen geht es ebenfalls um die psychoana­lytische Auffassung von der Bedeutung der Erinnerung. Anhand der Geschichte der WPV kann eine Vertiefung und Reflexion der Arbeit an der Vergangenheit erfolgen. Das ist für heutige Analytiker und Psychotherapeuten von grosser Wichtigkeit, aber auch die ­anderen Wissensgebiete, wie zum Beispiel ­Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft, kommen ohne die Kenntnis und Weiterarbeit an ­solchen Konzepten nicht weiter. – Man weiss, wie sehr ahistorische Denkweisen katastrophale Folgen für die Gesellschaft, ja für den ganzen Planeten haben.

John Kafkas «persönliche Erinnerungen» ­(Teicher, S.IV) sind eine raffinierte theore­tische Abhandlung über die Psychoanalyse und die Verständigungsprobleme zwischen denen, die das historische Geschehen als ­Prozess erlebten, und denen, die es so sehen, dass sie sich im Sinne der Praxis daran beteiligt hatten. Er verwendet das Sartre’sche Konzept der Praxis versus Prozess (Sartre 1964). «Wie ändert sich in der Psychoanalyse das Verstehen und die Bedeutung einer Serie von Ereignissen oder von einem singulären Ereignis? Wie erkennt der Patient, dass sein Todeswunsch nicht die Ursache der Krankheit seines Bruders ist?» (S. 149) – «Was der Patient als Praxis betrachtete wird zum Prozess.» (ibid.) Auch das Umgekehrte kommt vor: «Das scheinbar Zufällige kann als Resultat einer ­unbewussten intentionalen Handlung erkannt werden.» (ibid.)

Die Erinnerung wird je nach politischen ­Umständen direkt verboten oder entstellt. Kafka zitiert Rouart [3]: «une mémoire est une amnésie organisée».

Die wertvollen Beiträge von Zwettler-Otte, Diem-Wille, Riccardo Steiner, Elisabeth Brainin/Sami Teicher, und Ilany Kogan konnten aus Platzmangel hier nicht besprochen werden.

Literatur

1 Fenichel O. 119 Rundbriefe. 2 Bde. hg. von Mühl­leitner E, Reichmayr J, Basel, Frankfurt: Stroemfeld, 1998.

2 Mühlleitner E. Biographisches Lexikon der Psychoanalyse: Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und Wiener Psycho­analy­tischen Vereinigung 1902–1938, Tübingen: ­Edition diskord; 1992.

3 Rouart J, Devoir de Mémoire, Entre ­Passion et Oubli. Revue Française de Psychanalyse . 2000;1.

4 Sartre JP. Marxismus und Existentia­lismus. Versuch einer Methodik, Reinbeck: Rowohlt; 1964.

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