Book review

Unbewusste Zeitgeschichte

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00620
Publication Date: 31.10.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(07):224-225

Thomas von Salis

Karl Fallend

Unbewusste Zeitgeschichte

Psychoanalyse – Nationalsozialismus – Folgen

fullscreen

Wien: Löcker Verlag; 2016.

352 Seiten.

Preis: Є 29.80.

ISBN: 978-3-85409-820-1.

Wenn man ein Buch über einen längeren Zeitraum immer wieder mal in die Hand nimmt und liest und liest ..., wird man dem Autor umso mehr Respekt zollen, je mehr man ­darin findet und in einen grossen Zusammenhang bringt. So erging es mir mit dem hier ­anzuzeigenden Buch von Karl Fallend, dem Herausgeber der Zeitschrift «Werkblatt».

Das Buch ist eine Sammlung von Essays und Kritiken – teils mit autobiographischem Charakter, teils Ergebnis akademischer Forschung zu den im Untertitel aufgeführten Themen.

Helmut Dahmer schreibt in seinem ein­führenden Text «Tauchgänge. Karl Fallends Unter­suchungen zur unbewussten Zeitgeschichte»: «Wir Heutigen leben auf dem ­Schindanger des barbarischen 20. Jahrhunderts – (…) Über Massengräbern zu leben ist ­unheimlich.»

In seiner zusammenfassenden Betrachtung hebt Dahmer hervor, dass es um Menschen mehrerer Generationen geht: heute um «Erben einer Schuld- und Mordgemeinschaft», früher um Täter und Mitläufer, Verfolgte des NS-Regimes, und einige wenige überlebende Widerständler.

Wie für die von der Euthanasie-Geschichte ­belasteten Psychiater und Kinderpsychiater sind auch die Psychologen und Psychoanalytiker von den Altlasten aus der Nazi-Zeit noch heute betroffen und entsprechend genötigt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Meine Buchbesprechung «Trauma der Psychoanalyse» befasste sich schon mit der ­Geschichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Einen Einblick in die Verhältnisse nach der Auflösung der WPV vermitteln 25 Kurzbiographien und einige vertiefte Interviews.

Fallend war selbst ein Schüler von Igor A. ­Caruso, dem er ein eigenes Kapitel widmet: «Carusos Erben» (S. 190 ff). Caruso, ein beliebter psychoanalytisch orientierter Psycho­logieprofessor in Salzburg, war während des Zweiten Weltkriegs eine Zeit lang als Erzieher und psychologischer Gutachter (S. 129) im «Spiegelgrund» angestellt, einer kinderpsychiatrischen Abteilung, auf der ­Kinder ­begutachtet wurden, die wegen schwerer 
​Behinderungen in eine Vergasungsanstalt trans­feriert wurden. Obwohl Caruso das selbst nicht verheimlichte («man wusste alles» S. 122), verdrängten seine ihn idealisierenden Schüler diese Tatsache und befassten sich erst viel später mit der Aufarbeitung ­dieser Geschichte.

Fallend beginnt mit einem Text, der 1997 im «Werkblatt» publiziert wurde, ergänzt um ­einen «Epilog» von 2015/2016. Darin und in den folgenden Beiträgen wird deutlich, wie das Autobiographische und die akade­mischen Forschungsthemen sich ineinander verweben.

In den verschiedenen Teilen des Buches zieht sich das Thema der Abwehr versus Bearbeitung der Gefühle durch, die angesichts der Implikationen in die Geschehnisse und Folgezustände des Nazi-Faschismus spürbar werden, aber schwer oder gar nicht zu fassen sind. Auf S. 194 beschreibt Fallend seine Beschäftigung mit einem Text von Christian Schacht, der eine «Selbstauflösung» (S.194) empfiehlt (bezogen auf die von Caruso gegründeten Vereine) und schreibt:

«Ich musste diesen Absatz mehrmals lesen und verfing mich immer wieder in dem Begriff «Selbstauflösung». «In Luft – in Nichts auflösen» kam mir in den Sinn, oder gar «Auflösung des Selbst». Ist hier nicht jene vermisste, adäquate Beschreibung von Affekten formuliert, die der aktuellen Auseinandersetzung auch zugrunde liegen? Der Wunsch des Ungeschehenmachens, der Derealisierung, des Entzugs, der eigenen Enthistorisierung, weil die Auseinandersetzung existenzielle psychische Dimensionen zu erreichen vermag – die der psychoanalytischen Identität.»

Die heutigen kriegerischen Ereignisse erinnern uns daran, dass die menschlichen Grausamkeiten des letzten Jahrhunderts leider in diesem Jahrhundert eine Fortsetzung finden. Die psychische und gesellschaftspolitische Bewältigung bleibt ein aktuelles Problem.

In Österreich sei, so Fallend auf S. 46, der ­Nationalsozialismus keine verdrängte, sondern vielmehr eine mit grossem emotio­nalem Aufwand unterdrückte Geschichte, «ständig latent und kontinuierlich präsent».

Und auf S. 75: «Trotz wachsender gesellschaftspolitischer Aufklärung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit werden intergenerativ Werthaltungen tradiert, die trotz bewusster Ablehnung virulent bleiben» und «demokratiepolitisch ein Gefahrenpotential darstellen». – Dies wurde 2006 geschrieben. Wie aktuell es doch nun wieder geworden ist!

Der vierte Teil des Buches besteht aus «Lektüre-Gedanken». Darunter ist ein ergreifender Text dem Buch von Johann Gross, «Spiegelgrund. Leben in NS-Erziehungsanstalten» gewidmet. Dieser war als Kind randständiger Eltern der «Wohlfahrt» ausgesetzt, was in Wahrheit nicht enden wollende Misshandlung bedeutete.

Ein Text zu zwei Büchern über Viktor Frankl («Logotherapie») ist u.a. auch deshalb wichtig, weil wohl zu wenig bekannt ist, dass der so überaus berühmte jüdische Arzt, der sich ­neben Freud, Jung und Adler aufpflanzte, mit den Nazis im Konzentrationslager in frag­würdiger Weise kollaborierte und selbst – ohne dafür qualifiziert zu sein – Hirnoperationen durchführte.

Das wissenschaftliche Werk, das durch dieses Buch vorgestellt wird, könnte man wissenschaftstheoretisch bei der teilnehmenden ­Beobachtung der eigenen Ethnie ansiedeln. Es ist auch eine Institutionsanalyse von innen, denn die Forschung erfolgt unter Beteiligung der Betroffenen und richtet sich auf die Institutionen und die Ideologien der herrschenden Gesellschaft. Es ist zu hoffen, dass das ­kritische Potential dieser Methode, die dem Buch trotz der Vielfalt der Themen und des Reichtums an Material eine Geschlossenheit verleiht, bei seiner Rezeption zur Wirkung ­gelangt.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close