Review article

Psychoanalytiker/innen erinnern sich an ihre Kindheit im Nationalsozialismus und Krieg

Basierend auf dem gleichnamigen Referat vom 14. Juni 2018 anlässlich des Abschiedssymposiums von Prof. Dr. med. J. Küchenhoff in Liestal.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03018
Publication Date: 11.08.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03018

Schlesinger-Kipp Gertraud

Summary

Speaking out - Psychoanalysts remember their childhood during National Socialism and war

What is it like for me to talk about something that I helped others to do more than 10 years ago? At that time I asked psychoanalysts who were children during World War II about their experiences of war and National Socialism in Germany, using questionnaires and interviews to shed light on the subsequent effects of their experiences and how they dealt with them. The reason why these earlier texts fascinate me so much today, at a time when I am concerned about our current presence in the world, in society and  in psychoanalysis, is the subject of this article.

Keywords

psychoanalysis; trauma; World war II; National socialism

Einleitung

Wie ist es für mich, etwas zur Sprache zu bringen, zu dem ich vor nun schon mehr als zehn Jahren anderen verholfen habe [1]. Ich habe damals Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, die im Zweiten Weltkrieg Kinder waren, zu ihren Erlebnissen in Krieg und Nationalsozialismus in Deutschland mit Fragebögen und Interviews untersucht, um auch Auswirkungen bis heute und die nachträgliche Bearbeitung dieser Erfahrungen zu erhellen. Wieso haben mich diese früheren Texte heute wieder so in den Bann gezogen, heute, wo es mir um unsere derzeitige Gegenwärtigkeit in der Welt, in der Gesellschaft, in der Psychoanalyse geht?

Im folgenden Fluchtbericht sind zunächst Orte und Zeiten gekürzt oder herausgenommen:

Alexander war von den Kriegsereignissen lange Zeit wenig betroffen, die Bomber flogen nicht so weit. Die Kriegsjahre hat er als Kind am Anfang nur sehr wenig mitbekommen. Seine Eltern besassen und betrieben ein grosses Hotel.

Seine zehn Jahre ältere Schwester war zeitweise im Internat. Er bekam dann einen fast zwei Jahre jüngeren Bruder, einen fünf Jahre jüngeren und einen acht Jahre jüngeren Bruder. Der jüngste wurde kurz vor der Flucht geboren. Diese acht ersten Lebensjahre in B. erscheinen ihm wie eine ganz ungetrübte wunderschöne Lebenszeit, die wie durch einen Vorhang abgetrennt, nicht zu seinem Leben gehörend ist, was sicher damit zusammenhängt, dass sie so abrupt endete.

Am letzten Tag vor der Flucht packte die Mutter Sachen in einen Rucksack. Am nächsten Morgen hiess es, es gehe los. Die Mutter packte den Säugling in ein Tuch. Für sie sowie die 18-jährige Schwester und die drei Jungen zwischen acht und drei Jahren war nicht klar, wie sie aus B. herauskommen könnten. Sie warteten lange in einem Lastwagen, der aber dann nicht fuhr. An die Reise kann sich A eigentlich nicht mehr erinnern. Nur noch dass sie irgendwann in der Nacht bei einer Freundin der Mutter ankamen. Natürlich war seine Mutter immer noch weiter im Kontakt mit seinem Vater. Sie stand auch in Verbindung mit ihrer eigenen Mutter, die erst später aus dem Heimatort herausgekommen war. Nun weiss Alexander noch, dass seine Mutter die Grossmutter dorthinaus aufs Gut holen wollte. In der Nacht, die sie dort zubrachte, war ein Angriff, der den Ort zerstörte. Mutter und Grossmutter überlebten den Angriff nicht.

Zwei Tage später kam A.s Vater, der irgendetwas gehört hatte und es so arrangieren konnte. Der Vater fuhr am nächsten Tag nach Dresden und kam völlig hoffnungslos wieder. Er muss diese völlig zerstörte Stadt ganz frisch gesehen haben.

Einmal, auf der weiteren Flucht mit dem Vater (Alexander macht eine Pause) standen sie neben einem Lastwagen und Alexander schaute hinauf. Da lagen lauter tote Soldaten. Das waren die einzigen Toten, die er in seiner Kindheit gesehen hat, meint er.

Sein Vater wurde dann gefangen genommen. A hat ihn nicht wieder gesehen. Die grosse Schwester betreute den Säugling und die drei kleinen Buben. Die Kinder wurden mit vielen anderen Flüchtlingen in einer grossen Schule einquartiert, wo sie in einem Klassenraum mit etwa 30–40 Leuten lebten. Auf der weiteren Flucht schleuste die Schwester dann die vier Jungen in der Nacht über die Grenze. Sie landeten erst in Korbach und die Schwester hoffte, sie dort unterzubringen. Der kleinste Bruder fand sofort eine Pflegefamilie, die drei älteren kamen in ein Kinderheim.

Ein weiterer Fluchtbericht

M., die älteste von vier Schwestern. Die Mutter war an Krebs verstorben, die Grosseltern kurz danach.

Nach den Todesfällen setzte der Vater sie in den Zug, als schon die Fluchtbewegungen im Gang waren. Die Kisten wurden gepackt. Als der Vater alle in den Zug setzte, war die Jüngste fünf Jahre alt. Als er sie verabschiedete kam etwas, was ihre spätere Laufbahn prägte. Es war keine freie Entscheidung, was sie werden würde. Der Vater sagte zu ihr: „Pass mir auf mein B. auf.“ Die Kleine, B., wurde immer nur gezogen, hierhin, dorthin, das Bild ging M. nicht aus dem Kopf. M. und E. trugen die Koffer und so sieht sie sich, immer belastet, immer überfordert. Überall waren die vier Schwestern zu viel. Es war ein Grundgefühl: Überall war es zu viel, was sie assen.

Fast wäre man heute geneigt, zu sagen, das waren «unbegleitet minderjährige Flüchtlinge», Familiennachzug konnte es nicht geben, weil alle tot waren. Abgeschoben werden in die ursprüngliche Heimat konnten diese Kinder auch nicht, wie es heute wieder üblich sein kann. Es könnte die Geschichte eines syrischen Flüchtlings sein, heute, der mit den Geschwistern hier in Deutschland angekommen ist. Aber Sie ahnen es, es ist ein Fluchtbericht aus meinen Interviews mit älteren Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, von Alexander, geboren 1936 in Breslau, um die Flucht im Januar/Februar 1945 in die Nähe von Dresden und von Margarete, geboren 1930 in Oberschlesien.

Es könnte auch die Geschichte von Aeham Achmad sein, dem Pianisten, der aus Jarmuk, dem Flüchtlingslager bei Damaskus entronnen ist und die dortige frühere Zeit als wunderschön beschreibt. Sein Vater, ein Instrumentenbauer, lehrte ihn ab dem Alter von fünf Jahren die Klassische westliche Musik, Bach, Beethoven und jetzt in Kassel spielt er mit einem deutschen Jazztrio, verjazzt deutsche und syrische Volkslieder. Zum Schluss hört man ein Schlaflied, das dieselbe Melodie in Syrien wie in Deutschland hat. Seine Mutter und die Mutter der deutschen Jazzer haben es immer gesungen.

Die Welt war schon immer global, Flüchtlingsströme, Auswanderungen aus Not, Elend, Krieg und Hoffnung für die Kinder gab es schon immer. Dies wird auch in einem Kunstwerk von Hiwa K (documenta 14) sinnlich fassbar. Während ein Film läuft über die zerstörte Stadt Kassel, erzählt ein Syrer über die heutige Zerstörung, über Kriege, Verlust der Erinnerung. Man weiss nicht, wo man ist, welcher Krieg, welche zerstörte Stadt, wessen Verlust.

Bei meiner heutigen Arbeit mit Geflüchteten in unseren Erstaufnahmen und Heimen und im Psychosozialen Zentrum für Geflüchtete komme ich immer wieder auf die oft genug nicht zur Sprache gebrachten Erlebnisse der jetzt alt gewordenen ehemaligen Kriegskinder im 2. Weltkrieg zurück.

«Dass ich als Kleinkind am Herzen der Mutter auch ihrer Angst, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Enttäuschung und Wut ausgesetzt war, spielte damals in der psychoanalytischen Auffassung keine Rolle», so bezieht sich Jürgen Hardt auf seine Erlebnisse, als er dieses Thema 1985 beim Internationalen Psychoanalytischen Kongress schon einmal zur Sprache bringen wollte [2,S. 172]. Durch die Weiterentwicklung der frühen Formen des Erlebens in der Psychoanalyse sei ihm aber deutlich geworden, wie prägend die frühen vorsymbolischen Erfahrungen seien. Unkomplizierte, gehorsame Kinder nach aussen, die – wie Heidi Bertenrath in der Arbeitsgruppe während dieses Kongresses beschrieb – ihre Mütter beschützen mussten und schon von daher zum Beruf des Analytikers gekommen seien, hätten sie sich im Nachkriegsdeutschland überall mit den Resten einer tabuisierten Vergangenheit auseinandergesetzt, mit ausgekratzten Hakenkreuzen, verbotenen Orten wie verlassenen Bunkern, Schanzen, Bombentrichtern. Symbolisierungsarbeit an den Relikten sei nicht geleistet worden. Unvorbereitet mit Material über den Nationalsozialismus in der Schule konfrontiert, habe es sowohl dort als auch im Elternhaus keine sinnstiftende Beziehungsgeschichte gegeben. Hilflos, fassungslos und unbegreifend hätten sie vor den Bildern mit Leichenbergen aus Auschwitz gestanden.

Ich komme also heute zu meinen Interviews mit Kolleginnen und Kollegen zurück, die den Krieg und Nationalsozialismus als Kinder erlebt haben. Es ging mir um die Möglichkeit, dieser Generation eine Stimme zu verleihen, ihre eigene Sichtweise ganz individuell laut werden zu lassen. Meine Gesprächspartner waren Psychoanalytiker, die sich selbst in ihren Lehranalysen intensiv mit ihrer Lebensgeschichte auseinandergesetzt hatten, so dass mich insbesondere ihre eigenen Gedanken und Verknüpfungen ihrer Lebensgeschichte mit der Gegenwart interessierten. Es war für alle anders, mit mir gezielt über dieses Thema zu sprechen, wie mit einer Mutter, der man endlich alles sagen darf.

Es ging um Spuren, die die Zeit des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs in jenen hinterlassen hat, die damals Kinder waren, oft wie eine Spur im Schnee, die Anwesenheit der Abwesenheit, die Zeit, die sie gemacht hat, ist schon verschwunden, aber die Spur ist noch da. Es ging darum, das Abwesende zu verstehen, die leeren Stellen im Erleben zu begreifen, in denen das Bewusstsein von Schrecken überwältigt wird, Symbolisierungsvorgänge nachzuvollziehen oder zu beschreiben, „zur Sprache bringen“, da jegliche Kommunikation auf der Grundlage von Symbolen beruht [3]. In der traumatischen Realität gibt es nach Laub kein «Du» mehr, an das man sich wenden kann, weder drinnen noch draussen. Oder wie es Joachim Küchenhoff, von dem ich viel gelernt habe, viel besser ausdrücken könnte: «Semiotisch gesprochen geht (in der traumatischen Situation) der Interpretant, die Verortung von Erfahrungen in einer Zeichenstruktur, in der Codes, also Vorerfahrungen, genutzt werden können, verloren. Versuche der Traumaverarbeitung haben alle zum Ziel, die Repräsentationsfunktion zurückzugewinnen.» [4, S.14].

Die Illusion der Neutralität der Interviewerin wird angesichts der Nachwirkungen, die Krieg und Nationalsozialismus in uns allen haben, besonders hinfällig. Ereignisse, zu denen die Interviewten zurückkehrten, finden ihre Resonanz in der eigenen Geschichte oder der unserer Eltern. Katastrophische Zonen, die in den Gesprächen berührt werden, nehmen die Interviewerin gefangen, Subjekt und Objekt können verwirrt werden, so dass sich die Grenzen zwischen beiden verwischen. Die Vergangenheit ist die Gegenwart, die Verstorbenen kommen zurück. Diese Erinnerungsarbeit führt manchmal beide Gesprächspartner in verbal schwer fassbare Zonen von Vernichtungsangst, insbesondere da es um Erwachsene geht, die damals Kinder waren, die direkt oder indirekt im Kontakt mit dem Krieg standen. Sie sind die ersten, die in die Nähe von Merkwürdigem, Ängstigendem gezogen werden, auch wenn es in Stille geschieht. Insbesondere die Stimme von Gestorbenen, die nicht beerdigt werden konnten, suchen nach Symbolen, die sie oft genug in Symptomen der Kinder finden [5]. Aus diesem Grund bin ich den Kolleginnen und Kollegen dankbar, dass sie sich im Alter noch einmal in diese Zone gewagt haben.

Zur Sprache bringen

Madeleine wurde 1934 als erste Tochter einer Schauspielerin in Berlin geboren. Als sie fünf Jahre alt war, liessen sich die Eltern u.a. wegen der Schauspielkarriere der Mutter scheiden und Madeleine zog danach mit ihrer schönen faszinierenden Mutter von Engagement zu Engagement, wuchs zum Teil in Garderoben auf. Madeleines jüngster Onkel, der Nationalsozialist war und immer in der SS-Uniform mit schwarzen Stiefeln auftrat, verprügelte einmal Madeleines Vater. Madeleine, vielleicht drei Jahre alt, schrie, «Steh auf, Papa, steh auf». Bis heute kann sie keine Stiefel sehen.

Dann kam «die Liebesgeschichte» in Madeleines Leben, der zweite Mann der Mutter wurde nach ihrem Grossvater der wichtigste Mann in Madeleines Leben. Er war Film- und Theaterregisseur. Viele Stücke von ihm wurden verfilmt, die wegen ihrer Inhalte unerwünscht waren. Er bekam Drehverbot, und man nahm ihm das Theater weg, das er gepachtet hatte. Madeleine ging dann nicht mehr in die Schule, auch weil die Angst bestand, dass sie vielleicht etwas zu viel reden würde. Andererseits sollte sie mit dem Sohn des über ihrer Wohnung wohnenden Obersturmbannführers Wolff spielen, damit sie geschützt waren. Madeleine wusste, was das war. Sie wurden von den Nazis beherrscht, das war gefährlich. Sie hatte Angst, wenn ‹die Stiefel› die Treppe herunterkamen.

1942 gingen sie nach Danzig. Dort kamen plötzlich zwei Männer von der Gestapo mit schwarzen Stiefeln ins Hotel, die ihren Stiefvater abholen.

Madeleine: «Für meine Mutter war es überhaupt keine Frage, dass sie ins Gestapo-Hauptquartier geht, um ihn da herauszuholen. Sie sagte zu mir, dass auch ich abgeholt würde, falls sie nicht wiederkäme. Und ich wusste, das bedeutet den Tod. Ich wusste, dass Frauen und Kinder von SS und Gestapo ermordet wurden. Ich war die ganze Nacht allein und hatte Todesangst um den Stiefvater. Am nächsten Nachmittag kam meine Mutter mit dem Stiefvater zurück. Er war blutüberströmt. Ich habe während meiner Lehranalyse zwar die Badezimmertür gesehen, wo sie ihn dann gewaschen haben, aber ihn selbst kann ich in meiner Erinnerung nicht sehen (ein Loch in der Erinnerung, Anmerkung der Autorin). Es hiess über diesen Vorfall, die Gestapo habe zur Mutter gesagt: ‹Man kann ihn doch nicht mehr raufbringen, er ist schon im Keller›».

Am nächsten Tag flohen sie über Berlin in die Nähe von Prag.

Madeleine denkt, es war der schönste Sommer ihres Lebens. Sie hatte nicht gemerkt, dass die Mutter schwanger war. Ihre Mutter muss zum ersten Mal richtig glücklich gewesen sein. Der Stiefvater bekam eine Aufforderung, wegen eines Drehbuchs nach Wien zu kommen. Ihre Mutter fuhr sonst immer mit. Wegen des sechs Wochen alten Babys konnte die Mutter nicht mitfahren. Er wohnte dann in einem Hotel, in dem die Zimmer mit vom Flur aus bedienten Gasöfen beheizt wurden, sodass er selbst gar nichts damit zu tun hatte. Er schrieb einen Liebesbrief an die Mutter und steckte ihn noch um 9 Uhr abends ein und telegrafierte noch. In der Nacht starb er durch ausströmendes Gas im Hotelzimmer. Madeleine liest aus dem Tagebuch ihrer Mutter für die kleine Schwester die Ereignisse vor. Mit der Todesnachricht endet das Tagebuch.

Man stellte es also als Unglücksfall hin. Der Mutter wurde eine grosse Summe Geld angeboten, die sie aber ablehnte. Bei der grossen Trauerfeier, die die Filmgesellschaft ausrichtete, konnte Madeleine nicht weinen. Sie weinte erst viel später, nachdem der Schmetterling, den sie als Puppe im Glas nach dem Tod vom Stiefvater mit nach Prag genommen hatte, gestorben war.

1944 gingen sie nach Berlin zurück. In Berlin musste sie immer mit dem Baby Schlange stehen, sie fütterte die Schwester und badete sie mit im Teekessel erwärmtem Wasser. Die Mutter war meistens weg, sie arbeitete im Untergrund.

«Die Berliner waren mustergültig, sie haben mir immer geholfen, mit dem Kinderwagen in irgendwelche Keller zu kommen. Diese Bedrohung hat mich nie erschüttert, mein Stiefvater war tot und alles andere interessierte mich nicht mehr. Ich habe die Strasse im Flammenmeer gesehen, die gegenüberliegende Häuserreihe war schon weg, meine Freundin auch. Ich habe mich nicht gefürchtet, dachte, es soll ruhig alles kaputt gehen. Es war auch egal, wer was war, Obersturmbannführer Wolff und die ‹schwarzen Stiefel› gab es nicht mehr. Nur diese Müdigkeit, nie schlafen zu dürfen, war grässlich. Pflichtbewusst war ich nur wegen meiner kleinen Schwester».

Im Interview mit Birgit begegneten mir die ‹schwarzen Stiefel› erneut. In dem Moment, in dem sie von ihnen sprach, entstand in mir so etwas wie ein symbolisches Loch, ich fiel wie in einen Nebel, konnte mich nicht mehr konzentrieren, verstand nichts mehr, musste nachfragen. Die Spuren der unnennbaren Angst vor dem Destruktiven und dem Unheimlichen, dem verbal nicht Repräsentierten taucht hier im Gegenüber, nämlich in meiner eigenen Erlebniswelt auf.

Birgit ist 1940 geboren. «Im sogenannten ‹Polenfeldzug›, wie mein Vater das immer genannt hatte, war er sofort in Polen. Ich bin dann 1940 geboren und bei den Grosseltern gross geworden, sehr freundliche katholische Leute, eine kleinstädtische Idylle mit rotem Klinkerhaus und grossem Garten. Ich war Mittelpunkt dieses Kosmos’, vor allem als der Bruder der Mutter 1943 im Krieg fiel».

Ihr Vater war in der Waffen-SS. Sie ist nicht sehr informiert. Bis an sein Lebensende hat er seine Meinung nicht geändert. Auschwitz existiere nicht für den Vater, sagt sie trocken, der Krieg habe sein müssen. Sie will das nicht wiederholen. 1944 zog die Mutter mit Birgit nach Prag zum Vater. Die Mutter weinte viel.

Sie erinnert sich an ihren Vater in der Prager Zeit, wie er mit schwarzer Uniform und Totenkopfmütze und ‹schwarzen geputzten Stiefeln› morgens ging und abends wiederkam. Er hatte einen Burschen, der die Stiefel putzte. Sie fand ihren Vater toll, er roch gut, anders als die Mutter, war sehr distanziert. Sie erlebte ihn als trocken und klar und warm. Die Stiefel rochen gut nach Leder, und zum ersten Mal hatte sie zwei Eltern und ging in der Mitte. Nochmal zurück nach Prag: Im zweiten Anlauf kann Birgit es sagen. Der Vater war in Theresienstadt. Er hat nie gesprochen über irgendetwas, weder über seine Erlebnisse an der Front noch in Theresienstadt. «Wir wissen alle, was die Waffen-SS gemacht hat im Krieg», sagt Birgit. Bewusst bekam sie davon nichts mit, aber….(Ich ergänze: «Das Weinen Ihrer Mutter»). Birgit bestätigt das, auch dass die Mutter so krank wurde später, tiefe Depressionen hatte, hängt für sie damit zusammen.

Birgit wusste nicht, was ihr Vater in Theresienstadt gemacht hatte. In der Schule in Geographie fragte die Lehrerin nach der Hauptstadt der Tschechoslowakei. Birgit sagte: «Prag, ich war da schon einmal, wir haben da gewohnt, mein Vater hat in Theresienstadt gearbeitet». Die Lehrerin erstarrte und rief sie nachher zu sich und sagte ihr, dass sie das nie wieder erzählen dürfe. «Warte bis du grösser bist und frag dann deinen Vater. Behalte es für dich».

«Erst da habe ich angefangen zu merken, dass da etwas Schlimmes war. Aber ich habe eine Zwangsneurose entwickelt, etwas Böses kommt in mich rein, ich musste mich ständig waschen. Meine Mutter war dann schnell sehr krank, ihre Depressionen wurden mit E-Schock behandelt. Bald darauf ist sie qualvoll an einem Tumor gestorben. Ich sass bei ihr im Zimmer, es roch nach Tod, draussen war Sommer, ich war 14 Jahre alt. Abends war ich mit meinem Vater allein, er hat mir erzählt, so wie er das wollte, dass ich alles sah. Als Jugendlicher hatte er pausenlos ‹Kampf um Rom› gemalt, Totila war die hehre Lichtgestalt, die gegen das Böse kämpfte. So hat er sich gesehen, als strahlender Held, der das heilige Deutschland gegen die böse Hunnenflut verteidigt. Hitler war ein Held. Ich entwickelte die Vorstellung, dass Hitler gar nicht wirklich tot sei, sondern irgendwo in Norwegen im Exil und als Erlösungsgestalt zurückkommen wird, dass niemand ihn erkennen wird ausser mir und dass ich ihn dann erkennen und retten würde, diesen verfolgten armen Menschen. Furchtbar!» Birgit hat sich später für diese Phantasien furchtbar geschämt. Das kam aber erst allmählich.

Sie und ihr Mann hatten dann jüdische Freunde aus Israel. Sie hatte ihre eigene NS-Identifizierung völlig abgespalten. Sie war jemand anderes, die Kontinuität war weg, sie hatte die Verbindung verloren zu ihrer Jugend, zu ihrer Geschichte.

«Ich bin meiner Lehranalytikerin sehr dankbar, dass sie mich ertragen hat und dass ich mit unendlicher Vorsicht an all diese Dinge herangekommen bin. Die Analytikerin hat mir das Leben gerettet, das kann ich wirklich so sagen». Birgit weint. «Ich will gar nicht darüber sprechen, aber wahrscheinlich sässe ich nicht hier heute ohne die Analyse. (Ich frage: «Die Analytikerin hat die Verbindung zu ihrer Vergangenheit wieder hergestellt?»). «Ja, die hatte ich wirklich verloren, nur ein unbestimmbares Grauen. Ich habe in einer Welt gelebt wie mit Mehltau überzogen, wie im Grauschleier».

In der Supervision dieses Gesprächs erwähnte ich meinen Grauschleier, Nebel, als Birgit von den «schwarzen Stiefeln» sprach. Mir kam es so vor, als sei das ganze Unternehmen der Untersuchung unmöglich. Wie sollte aus dem Unheimlichen, dem Nicht-Repräsentierten durch einen intermediären Raum symbolische Realität entstehen können? Ein Zusammenbruch des Sinns, ein «schwindelerregender Marsch» (zur Fremdsprache, zum) «Ort des Schmerzes fernen Zeichensystemen» [6, S. 51] lähmte meine Fähigkeit, dem Text der Erzählung einen Sinn zu geben. Wie kann ein Sinn entstehen in einer Tätergesellschaft, in der gleichzeitig auch Nachkommen der Opfer leben?

Zur Sprache bringen setzt einen strukturierten Sprachraum voraus, in dem nicht nur, wie in der Dyade mit der Mutter in der semiotischen Sprache, Gefühle ausgetauscht werden, sondern Wörter etwas Unterschiedliches bedeuten können. Hat ein Wort konkretistisch nur eine einzige Bedeutung, macht es Angst. Ich war momentan von der Panik über die Gewaltsamkeit der «Stiefel» überrannt und konnte keine Verbindung schaffen, zumal Madeleines Stiefvater real getötet, und auch das Leben von Birgits Mutter in der Folge zerstört worden war und Birgits Leben im Nachhinein an dieser Gewalt beinahe zerschellt wäre. Als ich in der Supervision versuche, diesen Vorgang in Worte zu fassen, erinnert sich der Supervisor ebenfalls an «schwarze Stiefel» seines Vaters, die im Garten vergraben waren und die er als Kind fand, und welche Aufregung darüber entstand, als er mit ihnen spielte. So konnte eine intertextuelle Verbindung hergestellt werden: Madeleine erzählt mir von den schwarzen Stiefeln der Angst und des Todes, Birgit erzählt mir von den schwarzen Stiefeln des geliebten Vaters, den Stiefeln der Depression und des Todes ihrer Mutter, ich erzähle dies dem Supervisor, dem wiederum die verbotenen, aber aufbewahrten Stiefel seines Vaters einfallen: So kann vielleicht ein eingekapseltes Objekt überwunden werden, indem ein Symbol intertextuell Verbindungen schafft, die die Arbeit an Trauer, Trauma und Schuld über den individuellen Rahmen hinaus ermöglichen.

Wir können Kindheitsszenen nicht abbildgetreu in ihrer damaligen Realität zur Sprache bringen, auch traumatische Ereignisse werden nicht eins zu eins im Gedächtnis behalten. Die nachträgliche Bewertung der Erinnerungen, auch der als traumatisch erlebten, hängt unter anderem davon ab, ob die Möglichkeit des «memory talks» mit der Mutter [7] bestand, in dem auch die frühen vorsprachlichen Erlebnisse verbalisiert werden können und die Mutter die Narration unterstützt und herstellt. Diese Möglichkeit ist abhängig vom Lebensalter und von der Bedeutung des Sprechens in der Familie überhaupt, sie wird beeinflusst durch die Ideologie und die Werte, denen die Familie bzw. die Mutter in der NS-Zeit anhing.

Deshalb musste ich mich mit den Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf die Erziehung beschäftigen, denn dies nahm oft mehr Raum ein als die eigentlichen Kriegsereignisse.

Zur Veranschaulichung hier wieder ein kasuistischer Einstieg.

Ingeborg, 1937 geboren, antwortet auf meine Frage, was das spezielle an ihrer Altersstufe sei, dass sie noch in der Nazischule war. Die Lehrer waren alle eingezogen, sie hatten einen sehr alten netten Lehrer. Aber diese Zucht, dieses Sichaufstellen der Grösse nach in Blitzesschnelle, das hing ihr zum Hals ‘raus. Sie überlegt dann länger nach der damaligen Bezeichnung für «denunzieren». «Das gebe ich an» oder so ähnlich. Davon war man ständig bedroht.

Ingeborg hat Fragebögen aus dieser Zeit aufgehoben, in denen es Fragen gab zu Gesundheit, eigenem Bett, Geschwister, Leistungen und wie oft man krank war. Ihr Gefühl war, dass jeder «Scheiss wichtig» war und man gleichzeitig nichts gegolten hätte. Ob sie O-Beine hatte, war wichtig. Ihr war klar, dass sie jederzeit fallen gelassen und nichts mehr wert sein konnte, obwohl sie blond und blauäugig war. Sie war aber blutarm, blass und kränklich, nicht das kerngesunde deutsche Mädel, das man sein sollte, sondern sie war angeknackst. Sie wusste nichts von Euthanasie, aber sie muss ein Gefühl dafür gehabt haben, dass man ausgerottet werden konnte. Sie fühlte dies mehr als sie es wusste.

Hieraus geht hervor, dass die Kriegserlebnisse der älteren Kinder, die in der Kriegszeit schon gut sprachfähig waren, sich von denen der jüngeren, d.h. der nach 1940/42 geborenen, unterscheiden. Bei den Kindern, die noch zur Zeit des Nationalsozialismus zur Schule gingen, war der Einfluss der NS-Erziehung auf ihre Werte, Ideale und Normen beträchtlich. «Das Geschehen (Vertreibung, Verfolgung usw., Anmerkung der Autorin) widerspiegelte sich in der Objektbeziehung, doch die Eltern wie die Kinder konnten ihre Verletztheit oder ihr Betroffensein durch die nationalsozialistische Ideologie und ihre Folgen nicht sehen und schon gar nicht benennen» [8, S. 9].

Sellschopp stellt – ebenfalls aufgrund von Interviews mit ehemaligen Kriegskindern – fest, dass damals Werte hochgehalten wurden, in denen es um die Selbstidealisierung im Rahmen einer kollektiven Selbstwerterhöhung geht, Werte des kollektiven Elitebewusstseins und der Leistungsmotivation, und als Schattenseite davon – ich würde sagen: in der Nachträglichkeit der Bewusstwerdung der Verbrechen des NS-Regimes – um ein Verwirktsein des eigenen Lebens und die Frage nach dem Recht auf ein eigenes Leben überhaupt [9, S. 159]. «Ideal oder nichts», diese das Individuum gefährdende radikale Alternative, konnte nach dem Ende der Nazizeit zu einem völligen Zusammenbruch des narzisstischen Gleichgewichts führen.

Zur Erziehung im Nationalsozialismus gibt es zahlreiche Veröffentlichungen. Am bekanntesten sind die Erziehungsbücher der Ärztin Johanna Haarer, die ihr erstes Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind 1934 veröffentlichte. Die erste Auflage war schon nach kurzer Zeit vergriffen [zit. nach 10]. Die wichtigsten Grundsätze dieser nationalsozialistischen Erziehung waren:

  • Möglichst frühe Trennung von Mutter und Kind: Die Familie soll sich zum Grundsatz machen, sich niemals ohne Anlass mit dem Kind abzugeben. Das «schreien Lassen» auch in der Nacht sei ein wichtiger Erziehungsgrundsatz, die Mutter soll hart blieben, nicht sündigen, nicht aus Liebe oder Unverstand heraus.
  • Regulation der Sprache: Die Mutter soll von Anfang an in der Erwachsenensprache mit dem Kind sprechen und keine Gurrlaute von sich geben, wir würden sagen, keine semiotische Sprache benutzen [11]. Früh geht es auch um Befehl und Gehorsam und strenge Schweigegebote.
  • Reinlichkeitserziehung: Sie diente auch dem völkischen Staat: «Wer ein unsauberes, schlecht riechendes und mit seinen Entleerungen beschmutztes Kind um sich duldet, handelt den bevölkerungspolitischen Zielen unserer Staatsführung zuwider».

Die Mutter muss nach der Geburt jeden Tag den Kampf mit den schlechten, gierigen, Ekel erregenden und aggressiven Seiten des Tyrannen bestehen. Deshalb soll der Säugling festgezurrt sein beim Essen im Griff der Mutter, um Gehorsam zu erzwingen. So ist nach Hitler «jedes Kind eine Schlacht» [10, S. 107].

Dies alles stand in einem grösseren Zusammenhang. Denn es handelte sich nicht einfach um eine autoritäre Erziehung mit dem Zwang zur Reinlichkeit, mit strengem Gehorsam und Drill, Ordnung, Disziplin und Unterwerfung zu erreichen, sondern um die Bildung eines bindungslosen, aus unserer Sicht zutiefst gestörten spezifischen «Typus» eines Volkskörpers. Kurz, es ging um die Erziehung von uniformierten Menschen, die «alle an einem Strang ziehen» [10, S. 169].

Viele Mütter haben sich nicht an diese von Haarer aufgestellten Prinzipien gehalten, sie galten aber als Vorbild. Einfühlung und die Unfähigkeit, Babys schreien zu lassen, wurde oft als Versagen erlebt, unterschwellig wirkte die nationalsozialistische Propaganda auch hier. In Familien, in denen traditionelle, oft christliche Wertvorstellungen vorherrschten, wurden die Kinder im Dritten Reich schon früh aus ihrer familiären Identifikation herausgerissen. Die Eltern sollten entwertet werden, der «Führer» wurde zum Vorbild gemacht, und das Hingabebedürfnis ihm gegenüber wurde in mannigfacher Weise gefördert [12, S. 250].

Für die Kinder, die während der Hitlerzeit geboren wurden und zum grossen Teil in der frühen Kindheit vaterlos aufgewachsen sind, war der Zusammenbruch der Werte oft noch tiefgreifender. Von früh an war der abwesende Vater mit dem idealen und unbesiegbaren Führerbild verbunden und konnte so zunächst noch in diesem Glanz erstrahlen, um dann als Besiegter – wenn überhaupt – zurückzukehren. Der bedingungslose Identifikationszwang während der Hitlerzeit zerbrach mit der Niederlage ganz abrupt [12, S. 260].

Erschreckende oder traumatisierende Kriegsereignisse von Kindern konnten oft nicht im «memory talk» mit der Mutter [7] aufgegriffen, symbolisiert und gespeichert werden, sie schrieben sich eher in den Körper ein, der noch zu undifferenziert war, um Erlebnisse kognitiv zu behalten. Ein «deutsches Kind» weint nicht, sondern musste Vernichtungsbedrohungen schon im frühen Alter überstehen. Nachträglich, z.B. in Psychoanalysen, aufkommende Erinnerungen werden auch aufgrund des Wissens um die Verbrechen des Nationalsozialismus und im Zusammenhang mit dem «kollektiven Gedächtnis» [13] umgeschrieben.

Spuren

Im weiteren Verlauf des Interviews mit Ingeborg wird deutlich, wie eine Traumatisierung durch Bombennächte Spuren hinterlässt, die durch eine spezifische Beziehung zu den nationalsozialistisch eingestellten Eltern geprägt sind und durch ein nachträgliches – aber schon in der Kindheit geahntes – Wissen um die Vernichtungspolitik intensiviert wurden:

«Wenn Bombenalarm war, was immer häufiger wurde, musste ich das eine Kind und den Koffer nehmen, und die Mutter nahm das andere Kind und einen Koffer, und dann ging es in den Keller. Die Mutter hatte Angst und konnte mich nicht trösten, kümmerte sich um die Kleinen. (…) Es gab viele Alarme, und es ist nie etwas passiert, und dann ist es eben doch passiert. Am 13. Februar 1945. Ich war fassungslos. Wir waren am Rande von Dresden, aber sehr nahe. Die totale Katastrophe, ein Lärm und ein Pfeifen und ein Donnern und die Erde hat gebebt. Ich hatte furchtbare Angst und die Mutter hatte furchtbare Angst. Dann kam Entwarnung, und es war nichts passiert. Der nächste Angriff zwei Stunden später, ich dachte, das gibt’s nicht. Ich bin regelrecht erstarrt, versteinert. Es gab noch einen dritten Angriff dann am Tag, aber das ist weg, daran habe ich keine Erinnerung, das habe ich wahrscheinlich nicht mehr verkraftet. Ich war sieben Jahre alt. Nach dem zweiten Angriff sind meine Mutter und ich auf den Balkon gegangen, und vor uns die ganze Welt im Feuer, hinter uns war nichts mehr. Es war sehr beängstigend, nichts Menschliches mehr, als gäbe es da keine Menschen mehr, sondern nur ganz katastrophale Naturgewalten. Ich wusste, dass die Bomben aus den Flugzeugen kommen, aber das hier überstieg mein Fassungsvermögen. (…) Bis wir uns verabredet hatten, habe ich immer gedacht, das war mein schlimmstes Erlebnis, dieser Elendszug Da stand ich körperlich unverletzt im Treppenhaus, die Scheibe war noch drin und die anderen hatten nichts mehr. Ich habe mich hilflos gefühlt, hatte Mitleid und das Gefühl, das darf nicht sein, da ist etwas Unmenschliches passiert und jetzt kommen da wieder Menschen, denen dieses Unmenschliche zugestossen ist. Aber inzwischen ist mir klar geworden, dass das nicht stimmt, da hatte ich ja Gefühle. Das Schlimmste, das war vorher, die dritte Angriffswelle, die ich nicht erinnere, die zu viel war, um sie zu verkraften. Ich war 7, wie versteinert».

Ingeborg sagt: «Das Schlimmste war vorher, das, was ich nicht erinnere». Die Ausradierung der Erinnerung ist selbst ein Zeichen einer Erinnerung, die in den Körper eingeschrieben ist.

Schluss

Gegenwärtigkeit, die Vergangenheit und Zukunft mit einschliesst und ermöglicht, könnte profitieren von den Erfahrungen, die von heute Älteren und Alten als Kinder in einem diktatorischen System und in einem Weltkrieg durchlebt wurden. Bei ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern heute überwiegen neben sehr jungen Menschen solche mit weissen und grauen Haaren. Ihre Verluste, Traumatisierungen, Neuanfänge, Entwurzlungen, schweigenden sprachlosen Eltern und Lehrer können für die heute Geflüchteten von grossem Wert sein. Ebenso haben wir durch unsere Vergangenheit in unseren Familien aber evtl. auch eine besonders grosse Angst vor dem Verlust von Identität, von unserem Zuhause und vor dem Verlorensein in der Welt. Die Geflüchteten, die alles verloren haben, lassen uns innerlich an diese Angst rühren. Mit ihnen zu arbeiten, sie ihr Erleben in Sprache bringen zu lassen, erfordert die Bereitschaft, sich dieser Erschütterung auszusetzen, Joshua Durban, ein israelischer Psychoanalytiker, formuliert das so: «Unser Gefühl für unser Zuhause, ein Zuhause zu haben oder zuhause zu sein, kommt uns so natürlich vor wie die Luft, die wir atmen. Es ist uns so selbstverständlich wie unsere körperlich-seelische Existenz. Irgendwo zu wohnen, nicht allein zu sein, gesehen und verstanden zu werden, gehört zu unserem Menschsein. Und doch ist dies eine wichtige Errungenschaft unserer Entwicklung, die wir nicht für gegeben halten sollten» [14]. Und später: « Zu diesen unvorstellbaren Ängsten gehört die Bedrohung des Gefühls, eine umgrenzte psycho-biologische Einheit zu sein, weder ein Inneres, noch ein Äusseres zu haben, auszulaufen, leer zu werden, zu zerschmelzen, zu erfrieren, zu verbrennen, zu fallen, sich aufzulösen, kein Gefühl für Raum und Zeit zu haben». Gegen diese unvorstellbaren Ängste, die Durban „Nowhereness“ (nirgendwo-Sein) nennt, gibt es verschiedene Formen der Abwehr: Ein Objekt, also einen Menschen zu finden, der ein reales, Entwicklung förderndes Objekt werden kann, das dem Geflüchteten einen Schutzschirm zur Verfügung stellt, ihm also eine Art Zuhause (und eine Sprache) gibt. Oder man legt sich gegen diese unvorstellbare Angst eine rigide, undurchdringliche Schutzschicht zu, die mit Hilfe von Waffen und Ideologien zur Externalisierung der Ängste beiträgt, den anderen zu verbrennen, aufzulösen, einzufrieren, zu verbannen … .

Könnte es sein, dass auch eine ganze Gesellschaft diese beiden Möglichkeiten hätte? Dass die Geflüchteten, die uns als lebende Beispiele für unsere eigenen unvorstellbaren Ängste vor Augen stehen, deshalb so abgewehrt, eingekapselt, zurückgeschickt, verbannt werden müssen?

Um mit Joachim Küchenhoff zu enden, möchte ich einen Satz zitieren, der m.E. nicht nur für die Psychoanalyse und Psychotherapie, sondern auch für die gegenwärtige gesellschaftliche Realität passt: Wir müssen „eine mitmenschliche Erfahrung der Differenz wieder eröffnen, die allerdings ohne das Ernstnehmen traumatischer Destruktivität zum Scheitern verurteilt ist. Nur so kann es gelingen, eine geteilte Realität zu begründen, deren «other-than-me»-Substanz wirklich ernährt“ [15, S.833].

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Correspondence

Dr. phil. Gertraud Schlesinger-Kipp, Praxis für Psychoanalyse und Psychotherapie, Karthäuser Strasse 5a, D-34117 Kassel, gertraud.schlesinger-kipp[at]dpv-mail.de

References:

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