access_time published 03.12.2018

Supervisionsforschung

Prof. Dr. med. Wilhelm Felder
Prof. Dr. med. Kurt Schürmann

Supervision

Supervisionsforschung

03.12.2018

Die empirische Forschung zum Thema Supervision steckt noch in ihren Anfängen. So kann immer noch nicht wirklich empirisch belegt werden, dass Supervision sich für die Patienten/Klienten positiv auswirkt.

Zusammenfassung

Die empirische Forschung zum Thema Supervision steckt noch in ihren Anfängen. So kann immer noch nicht wirklich empirisch belegt werden, dass Supervision sich für die Patienten/Klienten positiv auswirkt. Umso wichtiger sind die wenigen Studien, die versuchen, dieses methodisch sehr anspruchsvolle Thema zu bearbeiten. Einige wenige hier zitierte Studien können diesen positiven Wirkungsnachweis erbringen. Die Auswirkung der Supervision auf die Supervisanden ist deutlich besser untersucht. Hier stammt die Mehrzahl der Studien aus US-amerikanischen Institutionen. Dabei wurden mehrheitlich interne Supervisionen untersucht. Die empirische Untersuchung von Supervisionsmodellen, von Variablen der Supervisanden und Supervisoren steckt ebenfalls noch in den Anfängen. Die Forschung zum Thema Psychotherapie-Supervision ist zwar bei weitem nicht so umfangreich wie die Forschung zum Thema Psychotherapie, aber doch so umfangreich, dass jede Darstellung Resultat einer subjektiven Auswahl ist. So können wir lediglich beschreiben, wie wir vorgegangen sind. Natürlich haben wir uns der Datenbanken von PubMed und PsychInfo bedient. Genau so ergiebig war das Durchblättern der zwei Fachzeitschriften, die wir zum Thema als die relevantesten betrachten: «The clinical Supervisor» und «Academic Psychiatry». Schliesslich haben wir einzelne Lehrbücher, die ein Kapitel über Forschung aufwiesen, zu Rate gezogen. Die überwiegende Mehrzahl der Forschungsarbeiten zum Thema Supervision in der Psychotherapie stammt aus dem US-amerikanischen Raum. Hier wiederum haben die meisten publizierten Artikel das zum Gegenstand, was wir als Fallbesprechung beschrieben haben: Der direkte Vorgesetzte, der mithin Anordnungskompetenz bezogen auf den Therapeuten hat und meist auch über dessen weitere Anstellung befindet, bespricht mit seinem Mitarbeiter eine konkrete Therapie. De facto sind also die internen Fallbesprechungen besser beforscht als die externen Supervisionen.

 

Auswirkungen der Supervision auf den Patienten/Klienten

Das Hauptziel sowohl der internen Fallbesprechung wie der externen Supervision ist das Wohl des Patienten/Klienten. Edward Watkins, einer der grossen alten Männer der Supervisionsforschung, meint dazu: «Does psychotherapy supervision positively affect patient outcomes? After a century of psychotherapy supervision and over half a century of supervision research, we still cannot empirically answer that question» (S. 252). Der aktuelle Stand der Forschung erlaubt also nicht, von einer empirisch gesicherten, positiven Wirkung der Supervision auf Patienten auszugehen. Natürlich bedeutet auch hier die Abwesenheit von Evidenz nicht das Fehlen jeglicher Evidenz. In seinem Übersichtsartikel erwähnt Watkins doch einzelne Arbeiten, die einen Silberstreifen am Horizont darstellen und deswegen hier auch ausführlicher dargestellt werden sollen.

Bambling et al. (2006) untersuchten die Auswirkungen von zwei verschiedenen Supervisionsbedingungen auf depressive Patienten im Alter von 25¬‒50 Jahren. Als Kontrollgruppe dienten depressive Patienten, deren Therapie nicht supervidiert wurde. Die Therapeuten wie die Supervisoren waren erfahrene Kliniker. Die beiden Supervisionsbedingungen wurden beschrieben mit «process-focus» resp. «skill-focus». In den Supervisionen, in denen der Prozess im Fokus war, wurde vor allem die therapeutische Beziehung thematisiert. Bei der zweiten Supervisionsbedingung, «skill-focus», ging es ganz konkret darum, mit dem Therapeuten die nächsten Interventionen zu planen. In jeder Supervisionsbedingung wurden 8 Supervisionseinheiten gegeben, die jeweils zwischen zwei Therapieeinheiten lagen, sodass jeweils die letzte Therapieeinheit nach- und die nächste vorbesprochen werden konnte. 34 Patienten wurden «process-focussed» supervidiert, 31, «skill-focussed» und 38 Patienten wurden ohne Supervision therapiert. Die Patienten, deren Therapie supervidiert wurde, zeigten einen deutlicheren Rückgang der Depression (gemessen mit BDI), waren mit der Therapie zufriedener und zeigten weniger Therapieabbrüche. Die Resultate der beiden Supervisionsformen unterschieden sich nicht. Möglicherweise werden wir also in der Supervisionsforschung etwas Ähnliches erleben wie in der Psychotherapieforschung: Nicht die schulenspezifische Forschung bringt weiter, sondern die Suche nach den Wirkfaktoren.

T. Bradshaw et al. (2007) untersuchten die Auswirkung von Supervision auf schizophrene Patienten, die von Pflegefachpersonen behandelt wurden. 11 Patienten waren in der Experimentalgruppe, 12 Patienten in der Kontrollgruppe (Wartelistebedingung für die Pflegefachpersonen). Die Supervision war sehr aufwendig. Sie bestand aus 14-tägigen Supervisionseinheiten zu 90 Minuten in Kleingruppen mit zwei Supervisandinnen; zusätzlich hatten die Supervisandinnen auch Audiotapes abzuliefern, die von den Supervisorinnen zwischen zwei Supervisionseinheiten abgehört und kommentiert wurden. Die Supervision hatte eine günstige Auswirkung auf die Positivsymptomatik und die affektive Symptomatik der Patienten, nicht aber auf die Negativsymptomatik.

Reese et al. (2009) untersuchten den Zusammenhang zwischen Outcome des Patienten und der Frage, ob dem Supervisor und damit natürlich auch dem Supervisanden eine kontinuierliche Evaluation der Therapie durch den Patienten vorlag oder nicht. 28 Therapeuten und 9 Supervisoren wurden randomisiert entweder der Feedback- oder der Non-Feedback-Gruppe zugeteilt. Die Therapeuten arbeiteten an zwei Zentren je für ein Jahr. Die Patienten mussten vor jeder Sitzung die Outcome Rating Scale und Session Rating Scale ausfüllen. Die Patienten, deren Feedback regelmässig dem Supervisor zur Verfügung stand, zeigten ein deutlich besseres Outcome (Effektstärke 0.23 vs. 0.92). Schliesslich sei noch auf eine Arbeit aus dem deutschsprachigen Raum hingewiesen.

Valerija Sipos (2001) untersuchte die Auswirkung von Supervision auf Patientinnen mit Anorexia nervosa. Das Behandlungssetting war stationär. Die Behandlung von 26 Patientinnen wurde wie üblich durchgeführt. Die Therapeutinnen von 25 Patientinnen erhielten eine zusätzliche Supervision. «In der Einschätzung der Emotionalität fand sich in der Supervisionsgruppe signifikant ausgeprägteres Erleben von schmerzhaften Gefühlen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Therapeutinnen und Therapeuten unter Supervision mehr Mut aufbringen, auch emotional belastende Therapieinhalte aufzugreifen. Ob diese vermehrte Emotionalität ein Faktor für die verminderte Depressivität in der supervidierten Patientengruppe ist, kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht abschliessend beurteilt werden.» (S. 155)

Die vier zitierten Arbeiten zeigen unseres Erachtens, dass zwar grundsätzlich möglich ist, die Auswirkung der Supervision auf Patienten zu untersuchen, dass dies aber wahrscheinlich mit noch mehr methodischen Problemen verbunden ist als die Psychotherapieforschung. In der Studie von Bambling (2006) etwa wurde die therapeutische Beziehung mit einem Instrument gemessen (Working alliance Inventory; A. O. Horvath und L. S. Greenberg, 1989) Wie erwartet, war die therapeutische Beziehung, wie sie von den Patienten selbst bewertet wurde, in der Supervisionsgruppe besser. Speziell an diesem Befund war allerdings, dass dieser Unterschied schon ab der ersten Stunde bestand und über die ganze Behandlungszeit nicht mehr zunahm. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass sie den Therapeuten der Experimentalgruppe bereits vor der ersten Therapiestunde eine Einheit anboten, in der sie auf den Aufbau der therapeutischen Beziehung fokussierten. In diesem Sinne ist das Teilresultat bezüglich der therapeutischen Beziehung nicht eine experimentelle Bestätigung der Wirksamkeit der Supervision, sondern der Ausbildung.

Schliesslich ist die Frage aufzuwerfen, was denn bezüglich der Supervision in ihrer Auswirkung auf den Patienten erwartet werden kann, wenn die Psychotherapie selbst bei Multiproblem-Patienten nur wenig auszurichten vermag. So weisen Weisz et al. (2017) für die Behandlung von Multiproblempatienten nach der Behandlung eine Effektstärke von 0.15 aus, zum Follow-up-Zeitpunkt gerade noch 0.02. Bei dermassen bescheidenen Auswirkungen auf die Patienten müsste die Supervision enorme Auswirkungen haben, um beim Patienten noch messbare Resultate zu zeitigen.

 

Auswirkungen der Supervision auf den Supervisanden

Qualitative Studien

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, handelt es sich bei diesen Studien gemäss unserer Terminologie hauptsächlich um die Untersuchung von internen Fallbesprechungen mit jungen Psychologinnen durch ihre Vorgesetzten, die eben nicht nur für die fachliche Qualität der Therapien zuständig waren, sondern auch organisatorische Pflichten (Führen der Krankengeschichte, Abrechnung) und Eignungsbeurteilung (Verlängerung des Arbeitsvertrages) übernehmen mussten. Insofern erstaunt es nicht, dass der Aspekt von Macht und Machtmissbrauch in vielen Untersuchungen thematisiert wird. Quantitative Angaben darüber, wie sehr diese internen Fallbesprechungen als hilfreich oder als belastend empfunden wurden, widerspiegeln deutlich das lokale Arbeitsklima und können nicht generalisiert werden. Aufschlussreicher sind u.E. qualitative Daten, die Hinweise darauf geben, was Supervisanden als hilfreich oder belastend erleben. Wilson et al. (2016) erwähnen so in ihrer Übersichtsarbeit verschiedene Aspekte. «Some participants appreciated supervisors who encouraged them to discover their own answers, whilst others said that at times I feel that he is bating me to something he has thought out himself. He should rather be clear about it than keep me guessing.» (S. 344)

Fraglos ist es förderlich, wenn der Supervisand angeregt wird, selber zu denken. Ebenso fraglos kostet ein solcher Prozess Zeit ‒ Zeit, die nicht immer zur Verfügung steht. Der externe Supervisor kann allenfalls entscheiden, dass er sich lieber Zeit nimmt, um bei einer Therapie die notwendigen Denkprozesse in Gang zu bringen, als auf alle drei Therapien einzugehen, die in der zur Verfügung stehenden Zeit besprochen werden sollten. Bei der internen Fallbesprechung kann sich der zuständige und verantwortliche Vorgesetzte das nicht oder nur selten erlauben. Ein weiterer Aspekt betrifft die Übersicht, den grossen Bogen: «Participants appreciated supervisors who facilitated thinking about the ‹meta-perspective› such as the purpose of therapy, the therapeutic relationship and theories of change.» (S. 345)

Die supervisorische Alltagserfahrung lehrt allerdings auch, dass Supervisanden in der Regel viel lieber Handwerk, oder Neudeutsch «Tools» vom Supervisor erwarten als Theorien zur Veränderung. Dies zeigt auch, dass das, was Menschen in Fragebogen über sich aussagen, und das, was sie auf der Ebene konkreten Handelns zeigen, nicht immer deckungsgleich ist. Ein weiterer Hinweis aus der Arbeit von Wilson scheint uns sehr beachtenswert: «Where difficulties in the supervisory relationship occurred, supervisees felt ‹uncertain and unsafe in supervision› and began to distrust their supervisor’s advice.» (S. 346)

Wenn die supervisorische Beziehung belastet ist, ist die Bereitschaft des Supervisanden eingeschränkt, fachlich vom Supervisor/Vorgesetzten noch etwas zu akzeptieren. Supervisanden sind recht überzeugt, dass die Supervision eine direkte Auswirkung auf die Therapie hat. «Participants reported a number of ways in which supervision affected their client work. They were encouraged to understand the client’s perspective, including ‹the relationship between a client’s presenting problem, situational events, and diversity considerations›. Participants appreciated when supervision included space to reflect on their relationship with their clients.» (S. 347)

Rockhill, French und Varley (2014) befragten 42 Therapeuten und 79 Supervisoren, die alle im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig waren. «From the 20 possible barriers in the query, fellows and supervisors agreed that the top seven were the following: difficulty setting aside time for supervision; service needs overriding supervision needs; a lack of clarity regarding the supervision process; fellow not being prepared; fellow being concerned about presenting mistakes; and lack of clarity regarding the supervision content.» (S. 519).

Diese Aussage zeigt klar, dass es hier um interne Fallbesprechungen geht. Es ist so banal: Das Hauptproblem der internen Fallbesprechung ist nicht die mangelnde Kompetenz des Supervisors oder dessen Machtmissbrauch, sondern schlicht und einfach die zur Verfügung stehende Zeit. Das zur Verfügung stehende Zeitbudget hat sicher auch etwas mit der Fehlerkultur zu tun. Wenn der Supervisand dringend Handlungsanleitungen zu verschiedenen Patienten braucht, wird er sich bei knappem Zeitbudget zweimal überlegen, ob er einen Fehler thematisieren soll. Neben den Übereinstimmungen zwischen Supervisoren und Supervisanden gab es auch einige Unterschiede. «In addition, fellows identified the following barriers that were of less concern to their supervisors: fellow not interested in the topic; supervisor fails to give feedback; and personality differences between the fellow and supervisor. Supervisors also identified several areas of concern that were rated lower by fellows, including fellows lacking experience, not displaying interpersonal curiosity, and not being psychologically minded.» (S. 519).

Auch hier wieder ein scheinbar banaler Aspekt, den die Supervisanden erwähnen: Der Supervisor gibt zu wenig Rückmeldung. Wie explizit und wie ausführlich eine Rückmeldung seitens des Supervisors sein muss, damit sie auch vom Supervisanden gehört wird, dürfte interindividuell recht unterschiedlich sein. Überhaupt nicht banal ist der Aspekt, dass viele Supervisoren ihre Supervisanden für ungeeignet für die Psychotherapie halten (not displaying interpersonal curiosity, and not being psychologically minded). Das wirft die heikle Frage auf, ob Supervision an der Selektion von Weiterbildungskandidaten beteiligt sein soll.

Auswirkungen der Supervision auf den Lernerfolg der Supervisanden

Bambling (2014) fasst die einschlägige Forschungsliteratur so zusammen, dass einfache therapeutische Techniken durch Supervision messbar gut vermittelt werden können. Die Bedeutung der Supervision für die Vermittlung von komplexen Fertigkeiten wie Fallverständnis und Therapieplanung ist empirisch noch nicht hinreichend belegt. Einen breiten Raum nimmt in der einschlägigen Literatur die Frage ein, welche Bedeutung die Therapieschule für den Lernerfolg hat und welche Bedeutung dem Entwicklungsstand des Supervisanden und dem diesem Entwicklungsstand angemessenen supervisorischen Stil zukommt. Dass die stufengerechte Vermittlung von Lerninhalten für den Lernerfolg wesentlich ist, ist unbestritten.

Eine interessante Studie zum Thema Lernerfolg legen Krall H. und Fürst J. (2011) vor. Sie untersuchten Therapeutinnen und Therapeuten, die in der Psychodramaausbildung waren und dazu u.a. Gruppensupervision in Anspruch nahmen. Den 13 Supervisand(inn)en wurden Fragebögen unmittelbar nach einer Supervisionseinheit und zwei Wochen danach abgegeben. Auch den Supervisor(inn)en wurden Fragebögen abgegeben. Der selbst konstruierte Fragebogen enthielt in einem ersten Teil folgende Fragen: «Die Supervision hat mir heute für meine psychotherapeutische Arbeit viel gebracht.» «Das Verstehen der psychosozialen Zusammenhänge bezüglich der Klient(inn)en wurde gefördert.» «Die Supervision hilft mir, Methoden, Techniken und Interventionen besser einzusetzen.» «Die Reflexion der Beziehungsdynamik zwischen Therapeut(in) und Klient(in) war hilfreich.» «Die Reflexion der Prozesse und Dynamiken in der therapeutischen Gruppe war hilfreich.» «Anhand der Fallreflexionen konnte ich mein theoretisches Wissen vertiefen.» «Ich fühle mich durch die Supervision persönlich gestärkt.» Im zweiten Teil des Fragebogens wurde erfragt, welche methodischen Aspekte der Supervision wie hilfreich eingestuft wurden.

Wie das in vielen Psychotherapiestudien bekannt ist, schätzen auch hier die Supervisand(inn)en die Zielerreichung besser ein als die Supervisor(inn)en. Diese Einschätzung nahm zwar bei der zweiten Beurteilung nach zwei Wochen ab, aber nur geringfügig. Bezüglich der methodischen Aspekte ist bemerkenswert, dass die Supervisor(inn)nnen die Bedeutung der szenischen Darstellung als Psychodrama-Fachpersonen höher einschätzten als die Ausbildungskandidat(inn)en. Bemerkenswert ist schliesslich auch, dass die Supervision zur psychohygienischen Entlastung der Supervisand(inn)en beitrug, wobei dieser Wert zwar ebenfalls nach zwei Wochen etwas geringer war als unmittelbar nach der Supervision, aber immer noch deutlich.

Bewertung des Supervisanden durch den Supervisor

Wie eingangs erwähnt, stammt ein wesentlicher Teil der Supervisionsforschung aus den USA und dort wiederum von internen Supervisionen, d.h. Situationen, in denen der Supervisor die Supervisanden auch im Hinblick auf die weitere berufliche Anstellung beurteilt. Darum hat dort die Beurteilung des Supervisanden durch den Supervisor eine grosse Bedeutung. Erwähnt sei hier allerdings eine Arbeit aus Europa von Dohrenbusch und Lipka (2006). gemäss ihrer Literaturübersicht gehen folgende Faktoren in die Beurteilung des Supervisanden durch den Supervisor ein: Charakteristiken des Therapeuten (therapeutische Erfahrung, psychologische Kenntnisse, Lebenserfahrung) sowie Charakteristiken des Falles (Schweregrad, Dauer und Qualität der Therapie, Outcome des Patienten). In der Studie wurden 12 Supervisoren und 22 Therapeuten, die 226 Patienten behandelten, untersucht. Nach 5‒6 Supervisionsstunden, die teilweise in Gruppen, teilweise einzeln erfolgten, hatte der Supervisor jeweils am Ende einer Therapie den Supervisanden zu beurteilen. Die Autoren finden in ihrer Studie nur einen schwachen Zusammenhang zwischen den patientenbezogenen und den therapeutenbezogenen Aspekten und der Evaluation durch den Supervisor. Die therapeutenbezogenen Faktoren waren in ihrer Studie gewichtiger. Interessant ist der negative Zusammenhang zwischen Evaluation durch den Supervisor und Erfahrung: Junge Therapeuten werden besser beurteilt, bei älteren werden offensichtlich strengere Massstäbe angewendet.

Auswirkungen der Teamsupervision auf Supervisanden

Zur Auswirkung von Teamsupervision auf Supervisanden haben wir nur eine Arbeit gefunden. Senn (2012) untersuchte die Auswirkung von vier Teamsupervisionseinheiten bei Pflegekräften einer Klinik. Aus Sicht der Supervisanden bewirkte Supervision vor allem Verbesserungen im «Umgang mit Konflikten», in der «Bewältigung von Konflikten» und in der «Lösung von Konflikten» sowie eine Verbesserung der «eigenen Abgrenzung» und eine «klarere Sicht der eigenen Rolle». Über 90% der Supervisanden würden nochmals an einer Supervision teilnehmen. Eigenschaften der Supervisorin trugen, laut Einschätzung der Supervisanden, zu einem erfolgreichen Supervisionsprozess bei. «Angemessener sprachlicher Ausdruck» wurde mit Abstand am häufigsten genannt. Mit ähnlicher Häufigkeit folgten die Eigenschaften «Fachkompetenz», «Berufserfahrung», «War mir sympathisch» und «Einfühlungsvermögen». Ein kontrovers diskutierter Punkt in der Teamsupervision ist die Frage, ob Leitungspersonen teilnehmen sollen oder nicht. In der Untersuchung von Senn sprach sich eine Mehrheit für die Teilnahme der Vorgesetzten aus, da so die Umsetzung des Besprochenen besser gelingen würde.

 

Empirische Überprüfung von Supervisionsmodellen

Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn die verschiedenen Supervisionsmodelle auch einer empirischen Überprüfung unterzogen würden. Das ist unseres Wissens kaum der Fall. Am meisten ist noch zu finden zum sogenannten Parallelprozess. In diesem Modell wird davon ausgegangen, dass sich die Beziehungsdynamik zwischen Patient und Therapeut in der Beziehung zwischen Supervisand und Supervisor spiegelt. Inman und Ladany (2008) kommen in ihrer Übersicht zum Stand der Forschung zu folgendem Schluss: «Although these studies suggest that parallel processes can occur and has significant value in the supervisory relationship, the specificity or the manner by which it occurs is unclear.» (S. 504) Tracey (2012) untersuchte den Parallelprozess in der Supervision mit spezifischen Konzepten. Sie analysierte 17 Triaden (Patient-Therapeut = Supervisand-Supervisor). Ihre theoretische Ausgangsbasis beschreibt sie wie folgt: «According to interpersonal theory, all behaviors can be characterized in terms of the varying amounts displayed on the independent dimensions of dominance and affiliation, with the interpersonal circle representing the full range of blendings across these two dimensions.» (S. 331) Hohe Ausprägung von Dominance und Affiliation führt etwa zu «Leading», hohe Affiliation und niedrige Dominace zu «Nurturant». Negative Werte bei Dominance und Affiliation führen zu bescheidenem oder misstrauischem Verhalten. Die weiteren Begriffe sind: «cooperative», «docile», «critical», «self-enhancing». Die Autoren kommen zum Schluss, dass sich mit dieser Begrifflichkeit sehr wohl ein Parallelprozess in beide Richtungen abbilden lässt: «So if a client tended to act in a distrustful and self-effacing manner (submissive-critical) in the prior session and the therapist complemented this by acting in a critical manner in therapy, then the therapist in the role of trainee would enact some of the distrustful client behavior in the subsequent supervision session. The supervisor would also demonstrate this parallel process by acting in a manner similar to how the therapist acted in the previous therapy session.» (S. 339). In seinem Kommentar zur Studie von Tracey et al. warnt Watkins (2012) davor, im Parallelprozess die Summe aller Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene ins Auge zu fassen. Diese lassen sich nicht hinreichend operationalisieren, um danach empirisch überprüft zu werden.

 

Merkmale des Supervisanden

Es gibt einige Arbeiten, die sich mit der Entwicklung des Therapeuten/Supervisanden und der Auswirkung dieser Entwicklung auf die Supervision beschäftigen. Dass sich vom Anfänger zum ausgebildeten Therapeuten eine Entwicklung vollzieht, ist offensichtlich. Dass damit die Ansprüche, die der Supervisand zu unterschiedlichen Zeitpunkten seiner Entwicklung mitbringt, unterschiedlich sind, leuchtet ebenfalls unmittelbar ein. Bei diesem Entwicklungsprozess wurden verschiedene Aspekte beschrieben: kognitive Komplexität, Selbstreflexionsfähigkeit, Fähigkeit zur Wahrnehmung von eigenen Bedürfnissen, Fähigkeit zum Formulieren von Erwartungen. Dabei ist klar, dass die Entwicklung eines einzelnen Therapeuten ja nie gleichmässig in allen Bereichen voranschreitet. Wie Inman und Ladany (2012) betonen, beruht die einschlägige Forschung fast nur auf Fragebögen, welche die Therapeuten ausfüllten, so dass ihre Aussagekraft relativiert werden muss. Die beiden Autoren weisen auch auf das hin, was im englischsprachigen Schrifttum als «Disclosure» bzw. «Nondisclosure» bezeichnet wird. Gemeint ist damit das Offenbaren bzw. Zurückhalten von relevanten Informationen. Die Angst vor Beschämung und negativer Bewertung ist der Hauptgrund für dieses Verhalten, das in mehreren Studien untersucht wurde. Einmal mehr ist wieder darauf hinzuweisen, dass es sich um Studien mit interner Supervision handelt.

 

Forschungsinstrumente

Wir erwähnen hier vorwiegend Instrumente, die im Netz zugänglich sind. Die Manchester Clinical Supervision Scale enthält 26 Items mit 6 Subskalen: Bedeutung der Clinical Supervision (CS), Zeit für CS, Vertrauen/Beziehung, Unterstützung durch den Supervisor, Skills, Reflektion. Eine ausführliche Beschreibung ist zu finden bei J. Wistanley und E. White (2014). Das Evaluation process within supervision inventory EPSI von Lehrman-Waterman und Ladany (2001) enthält 21 Items mit zwei Skalen: Zielsetzung und Feedback. Vom Supervisory Questionnaire, der von Yourman und Farber 1996 entwickelt wurde, gibt es eine deutsche Fassung von Jakob et al. (2014). Der Fragebogen mit 10 Items untersucht, wie offen der Supervisand dem Supervisor gegenüber ist oder ob er ihm wesentliche Aspekte verschweigt. Dabei wird unterschieden zwischen Offenheit bezüglich des Patienten (beispielsweise das Ansprechen von negativen Gefühlen des Therapeuten/Supervisanden gegenüber dem Patienten) und der Offenheit bezüglich dem Supervisor selbst (beispielsweise wie gut der Supervisand ausdrücken kann, dass er mit dem Supervisor nicht einer Meinung ist). Das Supervisory Working Alliance Inventory SWAI von Efstation et al. (1990) ist ein Instrument mit 15 Items zur Untersuchung der Arbeitsbeziehung von Supervisand und Supervisor. B. Hausinger hat 2008 unter dem Titel «Der Nutzen der Supervision» eine Zusammenstellung der Forschungsaktivitäten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. vorgelegt.

Literatur

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Prof. Dr. med. Wilhelm Felder

Prof. Dr. med. Wilhelm Felder, Facharzt für Kinder- und Jugend-Psychiatrie und Psychotherapie, ist seit 2012 Vorsitzender der Kursleitung des Instituts für Psychotherapie für Kinder- und Jugendliche (IPKJ) der Universitätskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern, Basel, Zürich. 2007-2012 war er ärztlicher Direktor Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), 2006-2011 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) und 1991-2012 Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Bern.

Prof. Dr. med. Kurt Schürmann

Prof. Dr. med. Kurt Schürmann ist Facharzt FMH für Kinder- und Jugend- Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt FMH für Kinder-und Jugendmedizin sowie Titularprofessor an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.

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