access_time published 14.01.2020

Supervision bei familienrechtlichen Fragen

Prof. Dr. med. Wilhelm Felder
Prof. Dr. med. Kurt Schürmann

Supervision

Supervision bei familienrechtlichen Fragen

14.01.2020

Zusammenfassung

Im vorliegenden Kapitel wird die Supervision von Begutachtungen behandelt, die von Scheidungsgerichten oder Kindesschutzbehörden in Auftrag gegeben werden. Die Unterschiede zwischen der Supervision einer Psychotherapie und eines Begutachtungsprozesses werden diskutiert. Dabei wird auf die Unterscheidung zwischen Entscheid-orientierten und interventionellen Gutachten eingegangen. Entscheid-orientierte Gutachten sind die klassischen Gutachten, bei denen der Gutachter nach Befunderhebung und Aktenstudium seine Empfehlungen an den Auftraggeber abgibt. Bei den interventionellen Gutachten werden im Rahmen des Gutachtens Versuche unternommen, entweder mit den Eltern einen Konsens zu erarbeiten und/oder bestimmte Lösungen, etwa bei Umgangsregelungen, zu erproben und zu evaluieren. Erst danach werden Empfehlungen an den Auftraggeber abgegeben. Im Rahmen der Supervision ist es zentral, mit dem Supervisanden seine Haltung, seine Konstrukte zu Familie, Entwicklung, Konflikt, Belastbarkeit von Kindern usw. kritisch zu hinterfragen.

Familienrechtliche Fragen im Rahmen einer Psychotherapie-Supervision

Die häufigsten familienrechtlichen Fragen im Rahmen einer Psychotherapie-Supervision sind nach unserer Erfahrung:
•    Information des Nicht-Sorgeberechtigten Elternteils nach einer Scheidung
•    Gefährdungsmeldung: wer soll wann und wie an die Behörden gelangen
•    Besuchsrechtsfragen
•    Berichte, Zeugnisse zuhanden einer Partei in einem laufenden Verfahren

In der Regel stellt es für Psychotherapeuten das grössere Problem dar, einen nicht sorgeberechtigten Elternteil in die Therapie einbeziehen zu können. Gelegentlich kommt es aber vor, dass sich ein solcher Elternteil bei der Therapeutin meldet und Auskunft verlangt. Jungen Therapeuten fällt es gelegentlich schwer, die gesetzlichen Vorgaben und die therapeutischen Standards gleichzeitig erfüllen zu können. Einerseits ist klar, dass nach den heute gültigen Gesetzesbestimmungen (Art. 275 a ZGB) Eltern auch ohne elterliche Sorge das Recht haben, von Drittpersonen, wie (im Artikel namentlich aufgeführt) Lehrerinnen und Lehrern, Ärztinnen und Ärzten, Informationen über ihr Kind zu erhalten. Andererseits ist ebenso klar, dass die Therapeutin diese Anfrage – in der Regel ist es ein Vater – mit dem anderen Elternteil, der Mutter, nach den Regeln der Psychotherapie behandelt. Die Therapeutin wird also transparent die Mutter über die Anfrage informieren und nicht um Erlaubnis bitten, da ja die Mutter darüber nicht entscheiden kann. Die Therapeutin wird allfällige Befürchtungen der Mutter über diese Anfrage des Vaters thematisieren. Falls sinnvoll und notwendig, darf die Therapeutin den Inhalt der Information an den Vater vorbesprechen. Letztlich geht es in der Supervision darum, die Therapeuten (wieder) handlungsfähig zu machen, wenn sie mit einer gesetzlichen Vorgabe konfrontiert werden. Sie sollen sich überlegen können, welche Informationen an den Vater für alle Beteiligten sinnvoll sind und welche Informationen Schaden anrichten können. In der Supervision ist also auch hier gefragt, zunächst Abstand zu gewinnen und den Blick für das Wesentliche im therapeutischen Prozess zu eröffnen. Natürlich muss der Supervisor auch in Betracht ziehen, dass es der Supervisandin um ein anderes Problem geht. Vielleicht hat sie den therapeutischen Teil mit der Mutter ganz gut im Griff, fürchtet sich aber vor dem Gespräch mit dem Vater, der schon aggressiv und vorwurfsvoll sein Begehren um Information vorgebracht hat. Dann braucht die Supervisandin nicht Abstand und Übersicht, sondern konkrete Gesprächsvorbereitung mit Rollenspiel in der Supervision.

Häufig stellen Supervisanden die Frage, ob der Zeitpunkt für eine sogenannte Gefährdungsmeldung gekommen sei. Meist ist damit auch die Frage verbunden, ob, falls die Frage zu bejahen sei, sie selbst oder jemand anderer aus dem Betreuungsnetz des Kindes diese Meldung machen soll. Arbeiten junge Therapeutinnen in Institutionen, was die Regel ist, zeigt sich häufig, dass innerhalb der Institution diesbezüglich verschiedene Meinungen bestehen. Damit stellen sich für die Supervisorin verschiedene Fragen, die priorisiert werden müssen. Wenig erfahrene Therapeuten brauchen zunächst Information darüber, was in der konkreten Situation, in der sie sich befinden, die wahrscheinlichste Reaktion der Behörde sein wird, wenn eine Gefährdungsmeldung erfolgt. Erst wenn sie sich darüber im Klaren sind, können sie Vor- und Nachteile abwägen. Für diesen Prozess des Abwägens brauchen sie die Unterstützung des Supervisors. Kristallisiert sich bei der Diskussion der sachlichen Argumente beim Supervisanden eine Meinung heraus, muss sich der Supervisor überlegen, ob und wie er die persönliche, emotionale Ebene des Supervisanden anspricht. Der Supervisand kann zu einem «Nein» neigen, weil er Angst vor der Konfrontation mit den Eltern hat. Er kann zu einem «Ja» neigen, weil er Mitleid mit dem Kind hat und möchte, dass irgendetwas geschieht. Reicht eine Fachperson eine Gefährdungsmeldung ein, ist meistens, nicht immer, die Zusammenarbeit mit den Eltern nicht mehr möglich. Diese Überlegung ist wichtig, um zu entscheiden, wer die Gefährdungsmeldung einreichen soll. Falls die Therapeutin schon länger eine tragfähige Beziehung zum Kind aufbauen konnte, sollte sie nur ausnahmsweise diese Gefährdungsmeldung machen, um die Therapie nicht zu gefährden. Falls sie aber erst einige wenige Abklärungstermine hatte, ist es sicherlich sinnvoller, dass sie es tut und nicht die Lehrerin, zu der das Kind bestimmt noch längere Zeit zur Schule gehen muss, bis ein allfälliger Entscheid getroffen wird. Bei Meinungsverschiedenheiten in der Institution ist es nicht Aufgabe des Supervisors, darüber zu befinden, wer Recht hat, sondern  dem Supervisanden zu helfen, seine Argumente bei den richtigen Personen möglichst klar zu deponieren. Bezüglich des Inhaltes der Gefährdungsmeldung vertreten wir hier klar die Meinung, dass Fachstellen nicht einfach der Behörde mitteilen dürfen, dass das Kindeswohl gefährdet ist, sondern dass sie auch schreiben, was als nächster Schritt nun zu tun sei. Mindestens müssen sie sich darüber äussern, ob es verantwortbar sei, zunächst Abklärungen vorzunehmen, oder ob Gefahr im Verzug sei, das Kind also unverzüglich an einen sicheren Ort zu bringen sei.

Nicht selten sind Therapeutinnen bei Scheidungsfamilien konfrontiert mit Streitereien der Eltern um die Art und das Ausmass des Kontaktes der Kinder zu den Eltern. Dann kann es wichtig sein, dass der Therapeut zunächst für sich, mit Hilfe des Supervisors, seine Rolle klärt: Versteht er sich als Familientherapeut, der zu Allparteilichkeit verpflichtet ist, versteht er sich als Therapeut des Kindes oder versteht er sich als Berater des Elternteils, der ihm den Auftrag dazu erteilt hat. Möglicherweise muss der Supervisor als Lehrer dem Supervisanden zunächst Wissen vermitteln über übliche Reaktionen von Scheidungskindern oder von möglichen Ursachen des Widerstandes eines Kindes gegen den Kontakt zu einem Elternteil. In diesem Zusammenhang ist es ganz wichtig, dass die Therapeutin nicht Aufträge annimmt, die nicht erfüllbar sind. Eine Psychotherapie mit dem Auftrag durchzuführen, den Widerstand gegen den besuchsberechtigten Vater abzubauen, ist eine «mission impossible». Möglicherweise liegt eine echte Double-bind-Situation vor: Das Kind erhält die verbale Botschaft von der obhutsberechtigten Mutter, in die Therapie zu gehen, und gleichzeitig die averbale Botschaft, weiterhin die Kontakte zum Vater abzulehnen. Der Streit zwischen den Eltern wird dann auf das Kind abgewälzt, das merkt, dass immer falsch ist, was es sagt oder macht. Davor müssen das Kind und die Therapeutin bewahrt werden. Gelegentlich wollen Eltern von der Therapeutin schriftliche Stellungnahmen, die sie dann im Verfahren verwenden wollen. Wenn es um eine einfache Bestätigung geht, beispielsweise dass das Kind in Behandlung ist, dürfte das meist unproblematisch sein. Problematisch wird die Situation, wenn das Zeugnis einem Elternteil auf Kosten des anderen Vorteile verschaffen soll. Der benachteiligte Elternteil dürfte dann beim Kind Stimmung gegen die Therapie bzw. die Therapeutin machen, was die Weiterführung der Therapie gefährdet. Falls hinreichende Gründe vorhanden sind, ist es allenfalls vertretbar, dass eine Therapeutin zuhanden einer Partei eine schriftliche Stellungnahme verfasst, in der sie dem Scheidungsgericht die Anordnung einer Begutachtung empfiehlt.

 

 

Supervision von familienrechtlichen Gutachten

Einleitung
Unter familienrechtlichen Gutachten seien hier Gutachten im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder eines Scheidungsrichters verstanden. Die Fragestellungen der KESB beziehen sich allgemein auf die Notwendigkeit von Kindesschutzmassnahmen, de facto aber meist um die Frage der Obhut: Soll diese den Eltern entzogen werden, oder, seltener, nach erfolgtem Entzug wieder zurückgegeben werden.
Die Fragen des Scheidungsgerichtes beziehen sich auf die Frage der Kindeszuteilung. Nur ganz selten stellt sich für den Gutachter die Frage, ob das Kind statt einem Elternteil keinem von beiden zugeteilt werden, sondern besser fremdplatziert werden soll.

Es gibt zwischen der Supervision von familienrechtlichen Begutachtungen und der Supervision von Psychotherapien Unterschiede und Ähnlichkeiten.

Ähnlichkeit: Wie bei der Psychotherapie ist der Supervisand in einer beruflichen Interaktion mit Menschen und berichtet dem Supervisor über diese Interaktion. Der Supervisor hat deshalb nicht nur den fachlich-technischen Aspekt dieser Interaktion, sondern auch den Beziehungsaspekt, die Gegenübertragung des Supervisanden im Auge zu behalten. Wie in der Supervision einer Psychotherapie möchte der Supervisand vom Wissen und der Erfahrung des Supervisors profitieren.

Unterschiede: Auf dem Supervisanden lastet ein anderer Entscheidungsdruck als auf dem Psychotherapeuten. Faktisch ist seine Beurteilung für die betreffende Familie sehr lebensbestimmend. Gravierend unterschiedlich ist die Beziehung zwischen dem Supervisanden und der zu begutachtenden Familie. Das kann auch zur Folge haben, dass der Supervisand während und nach der Begutachtung einem viel grösseren Druck und einer viel grösseren Bedrohung ausgesetzt ist als der Psychotherapeut.

Die Menschen, mit denen es der Supervisand im Rahmen der familienrechtlichen Begutachtung zu tun hat, unterscheiden sich von den Menschen in der Psychotherapie. Bei den Kindszuteilungsgutachten hat es der Supervisand häufig mit psychisch unauffälligen Menschen zu tun. Daneben gibt es alle Formen von Auffälligkeiten. Insgesamt streut die Population der zu Begutachtenden bezüglich psychischer Gesundheit stärker als die Population der Psychotherapiepatienten.

Innerhalb der familienrechtlichen Gutachten sind die sogenannten interventionellen Gutachten von den Entscheid-orientierten zu unterscheiden. Bei einem interventionellen Gutachten hat der Gutachter den Auftrag, mit den Eltern eine einvernehmliche Lösung bezüglich der Betreuung der Kinder zu erarbeiten. Nur beim Scheitern dieses Versuches unterbreitet der Gutachter dem Gericht ein Gutachten. Die erste Phase hat also Ähnlichkeiten mit einer Mediation. Sie ist nicht identisch mit einer Mediation, da die Beteiligten ja die ganze Zeit wissen, dass der Gutachter ein Gutachten verfasst, falls keine Einigung zustande kommt, und der Gutachter durch diese erste Phase des Prozesses in seiner Urteilsbildung zumindest emotional beeinflusst ist. Das ist natürlich ein Nachteil. Der Vorteil des interventionellen Gutachtens gegenüber einer Aufteilung in zwei getrennte Phasen (zuerst reine Mediation; beim Scheitern Entscheid-orientiertes Gutachten) liegt in der Zeitersparnis. Wenn nach einer gescheiterten Mediation das Gericht einen Gutachter suchen muss, gehen weitere 6 Monate mit Suche, Auftragserteilung und Wartefrist des Gutachters verloren. Beim Entscheid-orientierten Gutachten erhebt der Gutachter die Befunde, die er für notwendig erachtet, um dem Auftraggeber ein schlüssiges Gutachten zu unterbreiten.

Bei der Supervision von familienrechtlichen Gutachten besteht weiterhin ein Unterschied zwischen der kontinuierlichen Supervision der ganzen Begutachtung, von Anfang bis Ende, zur Supervision von erfahrenen Gutachtern am Ende des Gutachtensprozesses, vor der Redaktion des Gutachtens.

Bei der Supervision von familienrechtlichen Begutachtungen spielen nicht nur der Supervisand und die zu begutachtende Familie eine Rolle, sondern auch der Auftraggeber, dessen Rolle deutlich anders ist als die des überweisenden Arztes bei einer Psychotherapie.

Haltungsaspekte bei familienrechtlichen Begutachtungen
Wie ein familienrechtliches Gutachten lege artis durchzuführen ist, wird in Leitlinien und Fachbüchern detailliert dargestellt. Genauso wie in der Psychotherapie gibt es aber neben den unbestrittenen Vorgaben auch unterschiedliche Haltungen, die nicht als richtig oder falsch bewertet werden können. Es ist aber wichtig und notwendig, diese Haltungen zu reflektieren, wofür die Supervision ein ausgezeichnetes Gefäss ist.

Der Unterschied zwischen einem interventionellen und einem Entscheid-orientierten Gutachten wurde oben erwähnt. Zu diesen Formen gibt es unterschiedliche Haltungen. Das beginnt schon bei der Auftragserteilung. Falls der Auftraggeber nicht einen ganz klaren Auftrag formuliert, sondern bereit ist, den Gutachtensauftrag mit dem Gutachter zu verhandeln, tendieren einzelne Gutachter dazu, wenn immer möglich interventionell zu arbeiten, während andere dies nur ausnahmsweise anbieten. Für diese unterschiedlichen Haltungen gibt es gute rationale Argumente. Daneben dürften aber auch emotionale Aspekte mitentscheidend sein: Ist eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 10% für das Erreichen einer Konsenslösung eher ein Ansporn, es zu versuchen, oder eher eine Entmutigung?

Bei familienrechtlichen Gutachten steht das Kindeswohl im Vordergrund. Ob dieser Begriff eng gefasst wird oder ob das Wohl der ganzen Familie beachtet wird, ist ebenfalls eine Haltungsfrage.Die Frage nach der Rolle des Kindes in einer familienrechtlichen Begutachtung ist nicht nur eine fachliche, sondern auch eine Haltungsfrage. Dass das Kind seine Meinung zu den Gutachtensfragen sagen darf, ist für alle klar. Wird ihm aber auch die Wahl offengelassen, sich nicht zu äussern, oder wird im Rahmen der Mitwirkungspflicht auch vom Kind erwartet, dass es sich äussert? Hier gibt es unterschiedliche Haltungen.

Dass in einem Gutachten die Meinung eines urteilsfähigen Kindes dargestellt wird, ist allen klar. Wie aber geht der Gutachter mit der Meinung eines nicht urteilsfähigen Kindes um? Es gibt Gutachter, die auch einem nicht urteilsfähigen Kind eine Stimme geben möchten, oder die ihr Gutachten auch mit der Meinung des urteilsunfähigen Kindes begründen wollen. Es gibt Gutachter, die konsequent die Äusserung des urteilsunfähigen Kindes nicht preisgeben, um das Kind zu schützen. Der Gutachter ist verpflichtet, sein Gutachten nach bestem Wissen und Gewissen zu erstellen. Zuwiderhandlung steht unter Strafandrohung. Heisst das, dass der Gutachter dem Auftraggeber alle Informationen zur Verfügung stellen muss, oder nur das, was der Gutachter als notwendig erachtet?

Supervision des ganzen Begutachtungsprozesses
Eine Supervision über den ganzen Begutachtungsprozess erfolgt in der Regel bei Fachpersonen, die am Anfang ihrer gutachterlichen Tätigkeit stehen. Die Supervision von Neulingen im Bereich der familienrechtlichen Begutachtung erfordert meist viel an Wissensvermittlung. Neben der Wissensvermittlung geht es aber auch um die Vermittlung von emotionalen Erfahrungen. So ist es die Regel, dass bei Kindszuteilungsgutachten der Gutachter ganz von der Position des ersten Elternteils, mit dem er spricht, eingenommen ist und es fast als beschämend erlebt, wie er seine Meinung ändert, wenn er mit dem zweiten Elternteil spricht. Da ist es eine wichtige Aufgabe des Supervisors, dem Supervisanden diese emotionale Achterbahn zu normalisieren und Auswege daraus aufzuzeigen.
Erfahrene Gutachter lassen sich schon während des Gutachtensprozesses supervidieren, wenn spezielle Fragestellungen vorliegen (z.B. Umgang mit einem Vater, der eine Autismusspektrumstörung aufweist), wenn eine komplexe Fragestellung vorliegt (z.B. Verdacht auf Münchhausen-by-proxy) oder wenn die Koordination mit einem anderen Gutachter (z.B. gleichzeitig ein Gutachten aus der Kinderpsychiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie) anspruchsvoll ist.

Supervision des abgeschlossenen Begutachtungsprozesses
Haben erfahrene Gutachter alleine eine Begutachtung durchgeführt, suchen sie vor abschliessender Gutachtensredaktion häufig eine Supervision auf. Das Ziel dieser Supervision kann ganz einfach als Qualitätskontrolle bezeichnet werden. Nicht selten ist eine solche Supervision aber deutlich mehr als das vordergründige Überprüfen, ob alle Qualitätskriterien eingehalten wurden. Begutachtungen können auch bei erfahrenen Gutachtern heftige Gegenübertragungsphänomene auslösen. In aller Regel wird die Schlussfolgerung, die der Gutachter bezüglich den Hauptempfehlungen gezogen hat, in der Supervision auch dem kritischen Hinterfragen des Supervisors standhalten. Auf der Inhaltsebene kann die Supervision auch dem erfahrenen Gutachter einerseits bei Teilaspekten wie etwa dem Besuchs- und Ferienrecht bei Kindszuteilungsgutachten wie auch bei Fremdplatzierungen von Kindern hilfreich sein, anderseits aber auch bei psychohygienischen Aspekten. Nicht selten verlassen Supervisanden die Supervision zwar mit denselben Empfehlungen, die sie schon vor der Supervision angedacht hatten, sind nach stattgehabter Diskussion aber ihrer Sache sicherer und können diese besser argumentativ vertreten.

Supervision der Gutachtensredaktion
Genauso wie für den Ablauf der Begutachtung gibt es für die Redaktion des Gutachtens Qualitätsstandards. Auch bei der Redaktion des Gutachtens gibt es allerdings einen Ermessensspielraum des Gutachters. Hier setzt die Aufgabe des Supervisors an. Der Supervisor muss mit dem Gutachter darüber diskutieren, warum er diesen Spielraum wie nutzen will.

Häufig muss der Gutachter abwägen zwischen dem Anspruch, ein schlüssiges Gutachten abzuliefern, und der Überlegung, was für einen oder mehrere Beteiligte schädlich sein könnte. Wenn bei einem Kindszuteilungsgutachten ein Vater beispielsweise die Zuteilung des Kindes an ihn wünscht, aber gleichzeitig Zweifel äussert, ob das Kind überhaupt von ihm sei, muss sich der Gutachter sehr genau überlegen, wie er mit dieser Äusserung umgeht. Einerseits wäre die Erwähnung dieser Äusserung des Vaters ein gewichtiges Argument gegen die Zuteilung des Kindes an ihn, andererseits würde damit dem Kind, der Mutter und auch dem Vater so viel Schaden zugefügt, dass der Gutachter diese Äusserung nicht im Gutachten verwenden darf. Unter dem Titel der Schadensvermeidung ist auch genau zu überlegen, welche Äusserungen von Drittpersonen in das Gutachten aufgenommen werden sollen. Wenn ein Kind beispielsweise eine gute Beziehung zu einer Lehrperson hat, dürfen keine Äusserungen der Lehrperson, die zum Nachteil eines Elternteils sind, im Gutachten erscheinen. Natürlich darf der Gutachter Informationen nicht einfach unterschlagen. Wenn also eine Lehrperson beispielsweise dem Gutachter gegenüber erwähnt, dass sich das Kind möglicherweise vor den Eltern gelegentlich etwas fürchte, muss der Gutachter dies überprüfen, falls er das nicht vorher schon von sich aus getan hat. Kommt er zum Schluss, dass die Vermutung des Lehrers stimmt, muss er dies als gutachterliche Feststellung oder Vermutung darstellen, in diesem Sinne selbst die Verantwortung für diese Feststellung übernehmen. Kommt er zum Schluss, dass keine Anhaltspunkte dafür bestehen, ist es verantwortbar, diese Vermutung des Lehrers nicht zu erwähnen. Wenn es darum geht, der Lehrperson den Text vorzulegen, den der Gutachter über das Gespräch mit der Lehrperson aufnehmen will, darf das auch offen diskutiert werden. So ist es eine wesentliche Funktion der Supervision von familienrechtlichen Gutachten, die Schadensvermeidung zu thematisieren.

Neben der Schadensvermeidung ist ein weiteres wichtiges supervisorisches Thema die Förderung der Akzeptanz des Gutachtens. Wenn sich ein Gutachter nach bestem Wissen und Gewissen Rechenschaft darüber abgelegt hat, was nun im wohlverstandenen Interesse des Kindes sei, ist es nicht trivial, sich zu überlegen, welche möglichen Begründungen die beste Aussicht darauf haben, von den Beteiligten akzeptiert zu werden. Geht es beispielsweise in einem Kindszuteilungsgutachten um die Zuteilung eines einzelnen Kindes, eines Mädchens, und kommt der Gutachter in Abwägung aller Argumente zum Schluss, dass das Kind bei der Mutter besser aufgehoben sei, darf er die Bedeutung des gleichgeschlechtlichen Elternteils für die Entwicklung des Kindes stark in den Vordergrund stellen. Wenn diesem Vater nicht sämtliche Defizite aufgelistet werden, sondern nur in der Anzahl, wie es für ein schlüssiges Gutachten notwendig ist, wird er eher ein Gerichtsurteil akzeptieren und auf einen Weiterzug an die nächste Instanz verzichten als dann, wenn alles schonungslos und umfassend beschrieben wird.


Spezielle Aspekte bei gerichtlichen Kindszuteilungen und Besuchsrechtsregelungen
Entscheid-orientierte Gutachten
Bei den Entscheid-orientierten Gutachten gibt es mittlerweile einen Konsens unter den Spezialisten, was im Gutachten minimal enthalten sein muss: In der Regel werden die Elternteile etwa bei einem Kindszuteilungsgutachten je mindestens zweimal vom Gutachter gesehen. Das Kind wird mindestens einmal gesehen. Wer sonst noch im Gutachten einbezogen werden muss, wird häufig im Rahmen der Supervision diskutiert. Dabei geht es nicht darum, dem Supervisanden eine fertige Antwort zu liefern, sondern ihn zur Reflexion zu bringen: Was braucht er, damit er sich eine fundierte Meinung bilden kann? Was braucht es, damit die Eltern das Gutachten eher akzeptieren können? Was braucht der Auftraggeber, damit er das Gutachten als schlüssig beurteilt? Welche möglichen Angriffsflächen bietet das Gutachten?

Diese Fragen sind sinngemäss auch auf die Frage anzuwenden, wie umfangreich die Diagnostik bei den zu begutachtenden Kindern sein muss. Mit der Frage, ob bei einem zu begutachtenden Kind eine psychische Störung von Krankheitswert vorliege oder nicht, ist die Arbeit des Gutachters nicht getan. Die nächste Frage lautet, ob beide Eltern dieser Beurteilung – dem Vorliegen oder der Abwesenheit einer psychischen Störung – zustimmen. Beides kommt bei Begutachtungen vor: Ein oder vielleicht sogar beide Elternteile negieren eine Problematik des Kindes, oder ein Elternteil, kaum je beide, sehen eine psychische Störung, die der Gutachter nicht bestätigen kann. Die nächste Frage lautet nun, welche Auswirkung dies auf die Erziehungsfähigkeit beider Eltern hat.

Interventionelle Gutachten
Interventionelle Gutachten werden von Gutachtern mit einer Mediationsausbildung erstellt. Wer wenig Erfahrung in familienrechtlichen Gutachten hat, aber eine hinreichende Kompetenz in Familientherapie, kann unter Anleitung durchaus zu einem interventionellen Gutachten befähigt sein. In der Supervision geht es dann darum, den Unterschied zwischen einer Systemtherapie und einer Mediation aufzuzeigen. In der Theorie hat der Mediator lediglich die Verantwortung für den Prozess, während die Inhaltsebene gänzlich von den Eltern bestritten wird. In der Praxis wird auch bei einem interventionellen Gutachten der Gutachter inhaltliche Anmerkungen haben. Wenn sich beispielsweise die Eltern darauf einigen, die Ferien der Kinder zu teilen, wird der Gutachter unter Umständen darauf hinweisen, dass die Ebene der Gleichaltrigen berücksichtigt werden muss: Das Kind muss die Möglichkeit haben, an den Lagern der Vereine, in denen es tätig ist, teilzunehmen (Pfadfinderlager, Sportlager, usw.). Die häufigste supervisorische Frage bei interventionellen Gutachten ist die nach den Abbruchkriterien: Wie lange soll versucht werden, mit den Eltern einen Konsens zu erarbeiten? Natürlich stellt sich dabei nicht nur die Frage, wie lange der Atem des Gutachters ist, sondern auch, wie es um die Motivation der Eltern steht.

Wechsel vom entscheidorientierten zum interventionellen Gutachten
Gelegentlich kommt es vor, dass bei einem entscheidorientierten Gutachten der Gutachter aus den Gesprächen mit den Beteiligten den Eindruck hat, dass eine Konsenslösung möglich wäre. Dann hat er die Möglichkeit, dies beiden Elternteilen vorzuschlagen. Ob er das tun soll, wenn ja mit welchem Procedere und mit welchen Rahmenbedingungen, ist gelegentlich Inhalt einer Supervisionseinheit.

Spezielle Aspekte bei Fragen des Aufenthaltsbestimmungsrechts
Für Anfänger im Bereich der familienrechtlichen Begutachtung ist der Unterschied zwischen Kindszuteilung im Rahmen eines Scheidungsverfahrens und dem Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes in einem Verfahren bei der KESB häufig nicht klar. Wenn sich ein verheiratetes Paar trennt,, sind häufig beide Elternteile erziehungsfähig. Breits minimale Unterschiede können dazu führen, dass beispielsweise ein Jugendlicher in der Pubertät, der nach der Trennung zunächst bei der Mutter wohnte, durch den Scheidungsrichter dem Vater zugeteilt wird. Hier stellt sich also die Frage, bei welchem Elternteil das Kindeswohl mittel- und langfristig besser gewährleistet ist. Wenn das Kind bei einem unverheirateten Paar nach der Trennung bei der Mutter lebt und der Vater, die Schule oder der Arzt mit einer Gefährdungsmeldung an die KESB gelangt, stellt sich nicht die Frage, bei welchem Elternteil das Kind besser aufgehoben ist. Hier stellt sich zunächst die Frage, ob genügend Gründe vorliegen, der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu entziehen. Dafür braucht es zu Recht gute Gründe. Erst wenn diese Frage bejaht ist, stellt sich die Frage, wo dieses Kind nun platziert werden soll. Das könnte dann beim Vater, aber auch in einer Pflegefamilie oder einem Heim sein. Es ist also durchaus möglich, dass familiäre Situationen, die aus psychologischer Sicht ziemlich ähnlich sind, juristisch ganz unterschiedlich behandelt werden. In der Regel sind mehrere Gutachten nötig, bis Novizen die unterschiedliche juristische Denkweise wirklich verstanden haben. Der Supervisor kann dazu beitragen, diesen Prozess vielleicht etwas zu beschleunigen.

Der zweite Denkfehler besteht darin, dass sich Gutachter fragen, ob das Kindeswohl gefährdet sei. Wenn es zu einer Begutachtung kommt, ist diese Frage eigentlich immer zu bejahen. Bezogen auf die Massnahmen heisst das allerdings nicht, dass immer dann, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, eine Fremdplatzierung angezeigt ist. Eine Fremdplatzierung ist dann angezeigt, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich das Kind an einem anderen Ort deutlich besser entwickeln kann als am aktuellen Aufenthaltsort. Die gutachterliche Herausforderung besteht also nicht darin, die aktuelle Gefährdung möglichst präzise zu beschreiben, sondern darin, die weitere Entwicklung des Kindes am aktuellen Ort und an einem anderen Ort im Sinne von Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzuwägen.

Bei Begutachtungen zum Aufenthaltsbestimmungsrecht ist es die Regel, dass beim obhutsberechtigten Elternteil eine psychische Störung vorliegt. Der Umgang mit diesen Störungen stellt nicht selten für den Gutachter eine Herausforderung dar. Handelt es sich um eine externalisiernde Störung, allenfalls verbunden mit Entwertung und Bedrohung des Gutachters, wird die Professionalität des Gutachters auf die Probe gestellt. Seine Aufgabe ist es, zu beurteilen, ob dieser Elternteil auch im Umgang mit dem Kind eine Pathologie in ähnlichem Umfang zeigt oder ob diese durch den Stress der Begutachtungssituation hervorgerufen und nicht repräsentativ für den Alltag der Familie ist. Bei vorwiegend internalisierenden Störungen ist der Gutachter dagegen eher in Gefahr, die Pathologie kleinzureden, um aus Mitleid mit dem kranken Elternteil keine Fremdplatzierung zu empfehlen, dies aber dem Kind gegenüber als verantwortbar zu bezeichnen. Beides sind supervisorische Themen.

Gelegentlich hat das zu begutachtende Kind ein jüngeres Halbgeschwister. Dieses jüngere Halbgeschwister ist unter Umständen noch im Säuglingsalter und zeigt keine Auffälligkeiten, lebt aber in problematischer Umgebung. Soll sich der Gutachter, sofern er dazu nicht den Auftrag hat, auch zu diesem Kind äussern? Die Möglichkeit dazu hat er, auch ungefragt, meist unter dem Titel «Haben Sie weitere Bemerkungen?». Es ist Aufgabe des Supervisors, mit dem Supervisanden das Pro und Contra solcher Zusatzbemerkungen zu reflektieren.

Umgang mit der Resignation
Nicht selten sind Supervisanden ob der Trostlosigkeit von desolaten Verhältnissen, die sich über mehrere Generationen tradieren, erschlagen und fühlen sich hilflos. Dasselbe Gefühl kann Supervisanden beschleichen angesichts einer Hochkonfliktsituation eines Paares, das sich über Jahre durch alle Instanzen bekriegt.

Die Aufgabe des Supervisors ist es dann gelegentlich, mit dem Supervisanden zwei Schritte zurückzutreten und zu reflektieren, was die Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Interventionen sind. Der Staat kann keine emotionalen Beziehungen regeln, dieser Anspruch wäre geradezu grotesk. Gelegentlich ist es Aufgabe des Supervisors, die Sinnhaftigkeit weiterer Beratungs- und Therapieangebote zu hinterfragen. Manchmal sind die Anordnungen von weiteren Therapien und Beratungen mehr dazu da, das Gewissen der Fachpersonen zu beruhigen, als dass sie effektive Hilfe für beratungsunwillige oder beratungsmüde Exploranden darstellen. Den staatlichen Möglichkeiten sind Grenzen gesetzt, den therapeutischen auch.

 

 

Literatur

Dettenborn H, Walter E. Familienrechtspsychologie. München: utb Ernst Reinhardt Verlag; 2002.
Klosinski G (Hrsg.) Begutachtung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Köln: Deutscher Ärzteverlag; 2004.
Salzgeber J. Familienpsychologische Gutachten. München: C. H. Beck; 2001.
Staub L, Felder W. Scheidung und Kindeswohl. Bern: Huber; 2004.
Westhoff K, Kluck M-L. Psychologische Gutachten. Berlin: Springer; 2003.

 

 

Prof. Dr. med. Wilhelm Felder

Prof. Dr. med. Wilhelm Felder, Facharzt für Kinder- und Jugend-Psychiatrie und Psychotherapie, ist seit 2012 Vorsitzender der Kursleitung des Instituts für Psychotherapie für Kinder- und Jugendliche (IPKJ) der Universitätskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern, Basel, Zürich. 2007-2012 war er ärztlicher Direktor Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), 2006-2011 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) und 1991-2012 Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Bern.

Prof. Dr. med. Kurt Schürmann

Prof. Dr. med. Kurt Schürmann ist Facharzt FMH für Kinder- und Jugend- Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt FMH für Kinder-und Jugendmedizin sowie Titularprofessor an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.

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